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Etwas benommen hielt Maura ihr Gesicht in die warme Hamburger Nachmittagssonne. Sie konnte nicht behaupten, dass sie sich besser gefühlt hätte. Oder weniger verwirrt gewesen wäre. Aber wenigstens sah sie jetzt klarer. Und sie würde Anwältin Brigitte Mockenbrinck auf ewig für ihre Feinfühligkeit dankbar sein. Schlanke zwanzig Jahre nicht auftauchen und dann mal fix ein Erbe abgreifen? Nein, das hatte die schmale Frau mit dem klugen Gesicht sicher nicht gedacht. Maura spürte, dass Frau Mockenbrinck kein Mensch war, der sich vorschnell ein Urteil bildete. Und dass sie durchaus in der Lage war, feine Zwischentöne zu erspüren. Ihre grauen Augen hatten jede von Mauras Regungen registriert. Mitfühlend hatte sie Maura in dem kühl eingerichteten Besprechungsraum ihrer Kanzlei in Eppendorf allein gelassen, um einige Augenblicke später mit einem kräftigen Kaffee zurückzukommen.
»Natürlich können Sie das Erbe auch ausschlagen, wenn Sie möchten.«
Maura nickte stumm.
»Allerdings hat Frau Siebenstern verfügt, dass das Erbe an Ihren Sohn geht, falls Sie selbst es ausschlagen wollen.«
»An meinen Sohn? Wie konnte sie …?«
»Tut mir leid, mehr kann ich Ihnen dazu nicht sagen. Aber warum sollten Sie das Erbe ablehnen? Ihre Tante war nicht verschuldet, im Gegenteil. Das Häuschen ist in ordentlichem Zustand, und der Laden lief auch ganz erfreulich, obwohl sie in den letzten Jahren aufgrund ihres Alters nicht mehr so viel Energie dafür aufbringen konnte wie früher.«
»Ich bin, ehrlich gesagt, erstaunt darüber, dass Sie mich erst heute anrufen.«
»Ja, das tut mir leid. Tatsächlich habe ich selbst auch erst heute vom Ableben Ihrer Tante erfahren.«
»Verstehe.« Mauras Stimme schwankte kurz. Dann straffte sie sich und wurde wieder sachlich. »Den Laden hat sie in den letzten Jahren gar nicht mehr erwähnt, wenn wir uns getroffen haben.«
»Na ja, ich habe ihr vor rund siebzehn Jahren dabei geholfen, alles zu regeln, was damit zu tun hatte. Der Laden war so etwas wie Frau Siebensterns Lebenstraum, denke ich.«
»Ein Nähladen auf dem Land. Schon ziemlich verrückt, oder?«
»Ihre Tante hat darin wohl eine Art Projekt gesehen.«
»Klingt ein bisschen traumtänzerisch.«
»Vielleicht. Aber Träume zu haben, ist ja an sich nichts Verkehrtes.«
Und sowas von einer studierten Juristin. Maura biss sich auf die Unterlippe und rollte innerlich die Augen.
»Wie auch immer, Ihre Tante wollte, dass Sie das Haus, den Laden und das Grundstück in Rockenbrook bekommen. Ein Stück Wald und etwas Land gehören wohl auch noch dazu. Ich kann natürlich auch alles für den Verkauf vorbereiten, wenn Sie möchten.«
»Das wäre gut, ja.«
»Wollen Sie sich das Ganze nicht vorher noch mal anschauen?«
»Wozu?«
»Na ja, vielleicht möchten Sie ein Erinnerungsstück für sich behalten?«
»Nein, eigentlich nicht.« Maura zögerte.
Brigitte Mockenbrinck sah sie ruhig an. »Wirklich nicht?«
In Maura regte sich neben der aufkeimenden Trauer auch das schlechte Gewissen. Immerhin war sie es gewesen, die Tante Hettie nicht zurückgerufen hatte. Sie war einfach in Arbeit untergegangen. Eine kleine Stimme in Mauras Kopf gab zu bedenken: Und du hättest dich damit auseinandersetzen müssen, dass Tante