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Am Ende meiner Straße stand ein seltsames Auto.
Ich hatte mich nur kurz aus dem Fenster gelehnt, um mich umzusehen, aber als ich das Auto entdeckte, stutzte ich. Die Geräusche und Gerüche eines Londoner Morgens umgaben mich: frische Luft, die noch die Kühle des verklingenden Winters in sich trug, die Feuchtigkeit vom Regen der vergangenen Nacht, Vogelgezwitscher von Dächern und Bäumen. Blassgraue Wolken bedeckten den Himmel, versprachen weitere Schauer. Alles war normal … bis auf das Auto.
Der Frühling war in diesem Jahr zeitig angebrochen, und der Kirschbaum vor meinem Fenster blühte schon so lange, dass die weißen Blüten sich langsam pink und braun verfärbten und herabfielen. Das Auto war gerade so zwischen den Blütenblättern zu sehen, es parkte am Ende der Foxden Road in einem Winkel, der freie Sicht auf meine Haustür bot. Es wirkte schnittig und zugleich bedrohlich, glänzend schwarz mit getönten Scheiben, und sah aus wie ein Minivan. Niemand in unserer Straße besitzt einen Minivan, besonders keinen mit getönten Fensterscheiben.
Ein lautes »Mrauuu« erklang zu meinen Füßen.
Ich sah zu dem grau-schwarz getigerten Kater hinab, der mich aus gelbgrünen Augen beobachtete. »Na schön, Hobbes«, sagte ich und machte ihm Platz. Hobbes sprang aufs Fensterbrett, rieb den Kopf an meiner Schulter, bis ich ihn kraulte, dann hüpfte er hinab auf den Sims, der an der Vorderseite des Gebäudes verlief. Ich warf dem Auto einen letzten Blick zu, beugte mich zurück und schloss das Fenster.
Ich putzte die Zähne, zog mich an, frühstückte – und dachte dabei die ganze Zeit an das Auto.
Vor fast drei Jahren, am Tag nachdem mein Dad verschwunden war, tauchte ein weißer Ford in unserer Straße auf. Mir wäre das vielleicht nicht aufgefallen, aber ein paar Dinge, auf die mein Dad mich in einem hastig dahingekritzelten Brief aufmerksam gemacht hatte, hatten mich misstrauisch gemacht, und als ich darauf zu achten begann, bemerkte ich denselben Ford mit demselben Nummernschild auch an anderen Orten. In der Nähe meines Boxclubs, bei meiner Arbeit … überall.
So lief das über ein Jahr. Ich machte mir Sorgen um meinen Dad und mühte mich ab mit der Arbeit und der Miete, und währenddessen sah ich immer wieder dieses Auto. Sogar nachdem ich aus der Wohnung geworfen worden war und zu meiner Tante hatte ziehen müssen, bis rauf nach Tottenham, sah ich es immer noch. Nach einer Weile hasste ich dieses Auto regelrecht – es wurde zum Symbol all dessen, was falsch gelaufen war –, und nur die Warnung meines Dads hielt mich davon ab, rauszustürmen und zu konfrontieren, wer immer da drinsaß. Manchmal verschwand der Minivan für ein paar Tage, aber er kam immer wieder.
Endlich wurden die Abstände zwischen seinem Auftauchen länger und länger, und schließlich tauchte er gar nicht mehr auf. Als ich bei meiner Tante auszog und hier in der Foxden Road ein Zimmer fand, notierte ich mir als Erstes die Nummernschilder in der Straße sowie eine kurze Beschreibung des jeweiligen Autos, und dann prüfte ich im Verlauf der nächsten Wochen, wer wo einstieg. Doch jedes Auto gehörte jemandem, der hier in der Straße wohnte, und irgendwann ging ich davon aus, dass, wer immer in dem Minivan gewesen war, sich auf und davon gemacht hatte. Das war vor sechs Monaten gewesen, und seither hatte mich nichts denken lassen, dass er zurückkommen würde.
Bis jetzt.
Ich füllte Hobbes’ Wassernapf, dann war es Zeit, zur Arbeit aufzubrechen. Ich zog den Reißverschluss an meinem Fleecepulli hoch und trat vors Haus, schloss die Tür hinter mir. Der schwarze Minivan war immer noch da. Ich ging die Straße hinauf, entfernte mich ohne einen Blick zurück, dann bog ich um die Ecke.
Sobald ich vom Minivan aus nicht mehr zu sehen war, blieb ich stehen. Ich konnte das verschwommene Spiegelbild in den Erdgeschossfe