Kapitel 1
Moderne Prostitution
JADE
Musik, Martini und Sex sind am besten, wenn sie schmutzig sind.
Mit diesem Gedanken tröstete ich mich über meine Unfähigkeit hinweg, einen sauberen Reim für den Abschluss meiner Strophe zu finden. Vielleicht, weil ich noch nicht ganz wach war.
Heilige Scheiße! Oder vielleicht, weil die Tür gerade mit einer Wucht aufkrachte, als würde eine Horde Orks in mein Hotelzimmer einfallen.
»Raus aus den Federn, Darling! Die Sonne lacht, der Tag wird –Huch! Du bist ja schon wach.«
Ich hörte buchstäblich, wie der Körper meiner Managerin eine Vollbremsung machte. Nicht, weil ich eine so lebhafte Fantasie besaß, obwohl das durchaus der Fall war. Und auch nicht, weil ihre Knochen dabei knackten – obwohl auch das möglich wäre. Die Frau war siebenundvierzig und hatte einen BMI von sechzehn.
Sondern, weil ihre zweihundert Armreifen rasselnd aneinanderschlugen. Die aufgehende Augustsonne flutete die Hotelsuite, als drei Vorhänge gleichzeitig zurückgezogen wurden. Und weil nicht einmal die gottgleiche Cassandra Gold drei Arme hatte, waren wohl mindestens zwei weitere Leute mit in den Raum gekommen.
Gut, dass sie mir abgewöhnt hatte, nackt zu schlafen.
Ich blinzelte auf das Papier mit den halbfertigen Songzeilen, das den plötzlichen Spalt Sonnenlicht grell reflektierte, und versuchte, den Gedanken festzuhalten.
Drinking cheap whiskey thinking ’bout you …
It was rough and true … if I only knew … pushing through …
»Fuck …« Kopfschüttelnd strich ich ein paar Reime durch.
»Das habe ich gehört, Darling!«, rief Cassandra vom anderen Ende des Raums, woraufhin ich den Kopf einzog. Eine der goldenen Regeln in meinem neuen goldenen Käfig war, nicht zu fluchen.
Jade Darling ist »Everybody’s Darling«.
»Das Licht ist hier vorne wohl am besten«, bestimmte Cassandra mit der Eleganz einer ägyptischen Pharaonin, und schon wurde einer der schweren Barockstühle über den Teppich geschoben. »Ihr habt eine Stunde, um neun ist der Fototermin. Denk dran, Jade, direkt im Anschluss ist das Interview, um eins der Soundcheck und um zwei …«
»… die Aufnahme-Session.« Grinsend drehte ich mich auf dem Polsterstuhl zu ihr um und tippte mit dem Hotelbleistift gegen meine Stirn. »Alles hier oben drin.«
Cassandra breitete die Arme aus wie eine gönnerhafte Königin. »Und deshalb bist du mein bestes Pferd im Stall.«
»Oh! Und ich Dummerchen hatte gedacht, das wäre, weil ich gut singe, härter arbeite als jeder andere und –«
Mir seit dreieinhalb Jahren den Arsch aufreiße, wollte ich ergänzen, aber ich hielt im letzten Moment die Luft an.Nicht fluchen.
Cassandra lachte. »Darling, wenn du nicht singen könntest wie das uneheliche Kind von Tina Turner und Elvis, würdest du immer noch in den Honky Tonks dieser Stadt Teller waschen.«
Ich verkniff mir jegliche Widerrede, indem ich erneut die Luft anhielt, während sie mich in ihrer Patschuliduft-Umarmung erstickte. Klappte jedes Mal. Wer keine Luft bekam, konnte auch nichts sagen.
Singen ist Silber – Schweigen ist Gold. Das war die erste Regel, die ich von Cassandra Gold über das Musikbusiness gelernt hatte.
Verdammt noch mal, Gold, Baby!
Sie gehörte zwar nicht zu den ganz Großen, aber ihre Website wies alle großen Country-Musiklabels als Klienten aus, und sie hatte früher bei Curb Records mit Größen wie Johnny Cash und LeAnn Rimes gearbeitet. Testimonials auf ihrer Website nannten sie die Königsmacherin von Nashville. Und ich war – trotz meines für diese Branche fast schonzu fortgeschrittenen Alters von siebenundzwanzig Jahren – ihre neue Prinzessin kurz vor der Krönung.
Was vermutlich erklärte, warum ich heute in einem Bett geschlafen hatte, das breiter war als lang. Scheiße, ich hätte eine Orgie darin feiern können – was ich natürlich nicht getan hatte. Ich war jetzt ein braves Mädchen. Eines, das die Nacht im luxuriösesten Hotel von Nashville verbracht hatte und heute ihr erstes Cover-Shooting haben würde!
Ich war wirklich hier. Das hi