Von dem kleinen Bergdorf Wiesenau aus führte die Landstraße zu einer fruchtbaren Talsenke, deren Felder und Almen bis zu dem dichten dunklen Bergwald heranreichten, hinter dem die schroffen Felsen des Gebirgsmassivs emporwuchsen, die das Hochtal begrenzten. Die Dorfchronik berichtete, dass hier einst ein Nonnenkloster gestanden hatte, das in mittelalterlichen Schriften mehrmals lobend erwähnt worden war. Denn die fleißigen Nonnen hatten die Felder bebaut, einen Garten mit Heilkräutern angelegt und sich aufopfernd um Alte und Kranke gekümmert.
Auch Waisenkinder, von denen es in unruhigen Zeiten nur allzu viele gab, hatten dort Schutz und Aufnahme gefunden. Kein Wanderer oder Heimatloser hatte das Kloster wieder verlassen, ohne eine Stärkung empfangen zu haben.
Dann war der große Krieg auch in das abgelegene Gebirgstal eingebrochen und hatte Angst und Verderben verbreitet. Die wilden Söldnerhorden hatten alles verwüstet, was die Frauen in mühsamer Arbeit geschaffen hatten, und schließlich hatten sie das Kloster niedergebrannt. Die Nonnen, selbst die Äbtissin, hatten einen grausamen Tod gefunden.
Keine hatte entkommen können.
Heute noch zeugten altes Mauerwerk und die Überreste eines Gewölbekellers von dem einst prächtigen Bau. Diese Ruine war nun größtenteils von der Natur zurückerobert worden und von dornigen Ranken überwuchert. Doch das Kloster und die wohltätigen Nonnen waren bis heute nicht aus dem Gedächtnis der Gebirgler verschwunden.
Viele Sagen woben sich um das Nonnenkloster. Wanderer, die dort vorbeikamen, berichteten von seltsamen Erscheinungen, die sie nicht näher beschreiben konnten. Neugierige Dorfkinder, die den unheimlichen Ort erkunden wollten, kehrten verstört zurück und mieden die Gegend von da an.
Wenn es stürmte und die alten Bäume ächzten, glaubte man, das Wehgeschrei und das Stöhnen der gequälten Nonnen zu hören. Vor allem aber fürchteten die abergläubischen Dörfler die Rote Äbtissin, eine dunkle Gestalt, die vom Feuerschein umlodert war. Ihr Erscheinen kündigte kommendes Unglück an.
Die Erinnerung an jenes Kloster hatte sich jedoch auch auf wesentlich angenehmere Weise niedergeschlagen. So gab es das Nonnenbräu, das nicht nur von der männlichen Bevölkerung weit über das Gebirgstal hinaus wegen seiner Nachhaltigkeit sehr geschätzt wurde.
Und dieses Bier wurde auch im Nonnenhof ausgeschenkt, einem Gasthaus, das an der Landstraße unweit des einstigen Klosters stand, dem es auch seinen Namen verdankte. Früher mochte es wohl eine Poststelle gewesen sein, wo die Kutschen haltmachten und die erschöpften Reisenden sich endlich ein gutes Essen und eine kurze Rast gönnen durften.
Doch diese Zeiten lagen lang zurück.