Optimismus ist Pflicht.
Karl Popper
Während ich an diesen Vorbemerkungen schreibe, blicke ich von meinem Schreibtisch auf Günther Ueckers Kunstwerk aus beigem Wüstensand – allerdings nicht wegen der für mein Alter passenden Metapher von der Zeit, die einem wie Sand durch die Finger rinnt. Wissenschaftler haben vielmehr herausgefunden, dass Menschen ungewollt irgendwann im Kreis laufen. Anfang und Ende: Dazwischen liegt nicht zwingend eine lineare Strecke. Umwege erkennen wir im Nachhinein besser, Abwege oft zu spät. Und manchmal kehrt man eben an seine Anfänge zurück. Dann schließt sich ein Kreis. Meine Kreise werden kleiner: Das ist eine Erfahrung, die ich derzeit mache, ein Empfinden, das Ueckers Bild in mir weckt – und das mir einen Anstoß dazu gab, dieses Buch zu schreiben.
Mit dem Wahlausgang im September 2021 habe ich als »einfacher« Abgeordneter erneut das Bundestagsbüro bezogen, in dem ich vor über zwei Jahrzehnten als Oppositionsführer neben kurzen Höhenflügen persönlich die bittersten Stunden meiner politischen Karriere erlebte. Ich habe sogar im Plenum des Bundestags wieder dort Platz genommen, wo ich vor über fünfzig Jahren meine parlamentarische Karriere begonnen habe: auf den Hinterbänken. Von dort schaue ich auf die zuletzt viel zu zahlreich gewordenen Abgeordnetenreihen vor mir, auf die Kolleginnen und Kollegen, bei denen ich häufig den Eindruck habe, sie könnten nicht mehr nur meine Kinder, sondern längst meine Enkel sein.
So muss es Ludwig Erhard ergangen sein, als ich 1972 mit gerade dreißig Jahren das erste Mal in den Bundestag gewählt wurde – wenn er den badischen Jungspund überhaupt wahrgenommen hat. Erhard gehörte zu denen, die noch im 19. Jahrhundert geboren waren, im Kaiserreich. Für mich damals ferne Geschichte. Heute sind die jungen Abgeordneten nach dem Fall der Berliner Mauer geboren, die jüngste sogar zwei Jahre nach der Abwahl Helmut Kohls, und ich vermute, dass ihnen meine Erfahrungen einer Kindheit in der Nachkriegszeit und das Aufwachsen in einer Welt des Kalten Krieges ähnlich weit entfernt erscheinen müssen. Und mir selbst? Was verbindet mich noch mit dem jungen Mann, der ausgerechnet im retrospektiv so wild erscheinenden »Achtundsechzig« seine parteipolitische Karriere in der badischenCDU begann? Es gibt Prägungen, die einen ein Leben lang begleiten, davon wird in diesem Buch noch zu reden sein.
Aber trennt uns denn eigentlich wirklich so viel von früher? Vergleicht man die beengte Lebenswelt meiner Nachkriegsjugend im Schwarzwald mit der globalisierten Mobilität, mit der die junge Generation heute aufwächst: Wer wollte es bestreiten? Auch im Parlament sehe ich die veränderten Lebensstile. Da, wo ich noch das Bild vom sitzungsleitenden Präsidenten im bundestagseigenen formellen Cut vor Augen habe, geht es heute ungezwungener zu, mitunter reichlich unkonventionell. Vor allem sehe ich bedeutend mehr weibliche Abgeordnete als 1972, selbst wenn es noch immer zu wenige sind. Und wo im Plenumsbetrieb früher das Gespräch mit dem Sitznachbarn oder die Zeitungslektüre über zähe Momente hinweghalf, ist heute das Handy nicht mehr wegzudenken. Angela Merkel machte es als Kanzlerin zum zentralen Medium ihrer Kommunikation – und auch meine Freude am Sudoku-Spiel ließ sich so nicht lange vor der neugierigen Öffentlichkeit verbergen.
Und doch: Selbst wer sich aus den Volksvertretungen des 19. Jahrhunderts in den Bundestag verirren würde, müsste nicht zwangsläufig die Regeln des Parlamentarismus neu erlernen. Den Schlagabtausch zwischen Regierung und Opposition, das Prinzip von Rede und Gegenrede, die Entscheidung durch die Mehrheit – das alles würde er wiedererkennen. Dass er sich allerdings bei einem Wortbeitrag etwa über komplizierte steuerrechtliche Probleme auf zwei bis drei Minuten Redezeit beschränken müsste, würde ihn schon irritieren. Die dreiviertel Stunde, die ich noch in einer meiner ersten Reden als junger Parlamentarier eingeräumt bekam, erreichen manche Abgeordnete heute in der ganzen Leg