Die Lügnerin
Peking, 1899
Auf dem Bahnsteig steht eine Frau mit geborgtem Namen. Mit Dampf in den Augen und dem Geschmack von Öl auf den Lippen. Das schrille, drängende Pfeifen des Zuges verwandelt sich in das Weinen eines kleinen Mädchens ein Stück weiter und die Rufe der Bauchladenverkäufer, die billige Amulette als Schutz gegen das Ödlandweh anpreisen. Sie zwingt sich, den Kopf zu heben und ihn anzusehen, den Zug, der zischend und brummend vor ihr aufragt, vibrierend vor kaum zu bändigender Kraft. Wie riesig er ist, wie mächtig und massiv, dreimal so breit wie eine Pferdekutsche. Daneben wirkt der Bahnhof wie ein Kinderspielzeug.
Sie konzentriert sich auf ihren Atem, versucht, alle Gedanken aus ihrem Kopf zu verbannen. Ein und wieder aus, ein und wieder aus. Das hat sie die letzten sechs Monate jeden einzelnen langen Tag geübt, während sie zu Hause am Fenster gesessen und den Händlern und Taschendieben unten auf der Straße zugesehen hat; sie hat alles über sich hinwegspülen lassen, bis ihr Geist klar wie Wasser war. Sie hält sich am Bild eines Flusses fest, ruhig fließend und grau, versucht, sich von ihm in Sicherheit tragen zu lassen.
»Maria Petrowna?«
Es dauert einen Moment, bis sie merkt, dass der Porter sie meint, und sie fährt erschrocken zu ihm herum. »Ja! Ja.« Sie versucht, ihre Verwirrung zu kaschieren. Zu fremd ist noch der Klang ihres neuen Namens.
»Ihr Abteil ist bereit, und Ihr Gepäck wurde schon hineingebracht.« Schweiß perlt auf seiner Stirn und hinterlässt einen feuchten, dunklen Rand an seinem Kragen.
»Danke.« Sie ist froh, dass ihre Stimme nicht zittert. Maria Petrowna ist furchtlos. Neu geboren. Sie kann nur vorwärtsgehen, dem Porter folgen, der in einer Dampfwolke verschwindet. Hier und da ist in dem Gewaber grüner Lack zu sehen und ein goldener Schriftzug auf Englisch, Russisch und Chinesisch:Transsibirien-Express. Peking – Moskau, Moskau – Peking. Sie müssen die ganzen letzten Monate lackiert und poliert haben. Alles glänzt.
»Da wären wir.« Der Porter wendet sich ihr zu, wischt sich über die Stirn und hinterlässt einen dunklen, öligen Fleck. Sie fühlt sich unbehaglich in ihrer Kleidung, die in der Hitze auf ihrer Haut scheuert. Die schwarze Seide saugt die Sonne förmlich auf. Die Bluse umschlingt ihren Hals, und der Rock schnürt ihr die Taille ein, aber ihr bleibt keine Zeit, sich um ihr Aussehen zu sorgen, denn der Porter reicht ihr steif den Arm, und sie erklimmt die hohen Stufen in den Zug, wo ein anderer uniformierter Mann mit einer Verbeugung ihre Hand nimmt und sie durch den mit einem dicken Teppich ausgelegten Korridor führt. Sie ist im Zug, und nun ist es zu spät zum Umkehren.
Vor ihr beugt sich ein Mann mit Bart, goldener Brille und einer Stimme von der Art, die alle anderen Stimmen beiseitedrängt, aus dem Fenster und ruft auf Englisch: »Wo ist der Stationsvorsteher? Vorsicht mit den Kisten! Oh, ich bitte um Verzeihung.« Er drückt sich an das Fenster und deutet eine Verbeugung an, als Maria sich ihm nähert. Sie beschränkt sich auf ein angedeutetes Lächeln und eine leichte Neigung des Kopfes und überlässt ihn seinem Getöne. Sie hat keine Lust auf den Austausch von Höflichkeiten und auf die neugierigen, taxierenden Blicke der Männer, die bereits ihre Trauerkleidung und die Tatsache, dass sie allein reist, zur Kenntnis nehmen. Sollen sie. Sie will nichts weiter, als die Tür ihres