: Rena Coeppen
: Nach dem Sturm und vor der Zeitenwende Eine deutsch-deutsche Familiengeschichte
: R.G. Fischer Verlag
: 9783830119265
: 1
: CHF 10.80
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 162
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Nach dem Sturm - und vor der Zeitenwende dient dieser ­ehrlichen und eindrücklichen Familiengeschichte als Leitmotiv. Die Autorin versetzt uns in die frühen 50er Jahre ins Berliner Umland und zeichnet anhand der einzelnen Familienmitglieder unter­schiedliche Lebensentwürfe und entwickelt dabei jeden einzelnen Charakter so scharf, dass die Generationenkonflikte ebenso deutlich werden, wie die unterschiedlichen Mentalitäten der vier Schwestern. Diese Unterschiede treten durch die ­politischen Gegebenheiten immer stärker hervor. Diejenigen, die im Osten bleiben, versuchen zum Sozialismus zu gelangen, aber auch hier ist nicht alles so homogen, wie es scheint ... Die Familienmitglieder, die im Westen leben, arrangieren sich mit?der »Sozialen Marktwirtschaft« und die West-Berliner ­Verwandtschaft ist dem Wandel der Systeme besonders direkt ausgesetzt. 40 Jahre später ist die Wiedervereinigung vollzogen und es ist eine unübersichtliche Gemengelage entstanden. Nicht jedes Familienmitglied würde alles noch einmal so machen und den jungen Erwachsenen der Familie fehlt das Bewusstsein für die gemeinsamen Wurzeln. Für diese Generation hat Rena Coeppen dieses Werk vor allem geschrieben.

1. Kapitel
1952


Die Mutter mahnte zur Eile. Sie würden den Zug verpassen, wenn sie weiterhin so bummelten. Die Zwillinge trotteten wider-willig, traurig und schweigend hinter der Mutter her. Sie signalisierten einander: »Guck dir alles nochmal richtig an, wer weiß, ob wir diesen Ort jemals wiedersehen.«

»Sieh mal, Hanna«, die um 20 Minuten ältere der Zwillingsschwestern blickte in Richtung eines Gehöftes, wo Bauer Vieth gerade die Kühe durch das Hoftor führte. Sofort folgten die Augen der jüngeren Schwester, Lore, und der stumme Dialog wurde fortgesetzt: »Ob der wohl was bemerkt?« blinzelte Hanna und Lore antwortete unbemerkt von jedem Außenstehenden, lautlos mit einem Verändern der Mundwinkel: »Möglich, der glotzt so« – »Der schaut doch der Mama immer hinterher« – beide sahen sich verständnisinnig an. Die Mutter kannte bereits das Spiel der Zwillinge und mahnte wiederum zur Eile. Obwohl die Mädchen keine eineiigen Zwillinge waren, ja nicht mal die Ähnlichkeit allzu groß war, hatten sie schon früh eine eigene Sprache entwickelt, die fast telepathisch zu nennen war.

»Bitte, kommt, ihr könnt euch im Zug weiter unterhalten – wenn wir den Zug verpassen, dann müssten wir umkehren, denn der nächste Zug fährt erst wieder am Nachmittag und das ist dann zu spät für den Arzt in Löwenberg.« Maria Sydow sprach absichtlich etwas lauter, denn in der Zwischenzeit war sie mit den Kindern von der Dorfstraße in die Bahnhofstraße abgebogen und hier liefen bereits einige Dorfbewohner eilig zum Personenzug nach Löwenberg. Wie immer erreichten sie den Bahnhof viel zu früh, denn der Zug hatte sich wieder mal verspätet. Die meisten Fahrgäste auf dem Bahnste