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Erik Lindgren schloss sein Fahrrad vor der Wache an den Ständer, nahm den Helm ab und fuhr sich mit der Hand durch das verschwitzte Haar. Dieses Jahr nahm er seinen Urlaub etappenweise, weil sie wegen der Weltlage die Indienreise ausfallen ließen. Sie wollten nicht riskieren, in Mumbai zu stranden, sollte sich die Pandemielage zuspitzen. Im Juni waren er, Supriya und Nila eine Woche in Abisko gewesen. Erik hatte zum ersten Mal Nordschweden im Sommer besucht, die Mittsommersonne erlebt. Anfang August hatte er wieder Urlaub, damit er so viel Zeit mit seiner Tochter verbringen konnte wie möglich, bevor die Schule wieder anfing und Nila in die dritte Klasse kam.
Erik betrat das Polizeirevier und nickte einem Kollegen zu. Im Sommer lief alles in gemäßigterem Tempo. Man konnte die Pandemie fast vergessen. Denn mit dem Anstieg der Temperaturen war die Zahl der Ansteckungen gesunken, und es war viel leichter, draußen Dinge zu unternehmen. Derzeit fehlten zwei Mitglieder ihrer Ermittlungsgruppe: Hanna Duncker war in Elternzeit und Carina Hansson im Urlaub. Sie schien auch im Begriff, sich aus dem Dienst zu verabschieden, ganz wie ihr ehemaliger Chef Ove Hultmark. Man merkte richtig, dass die Polizeiarbeit sie nicht mehr erfüllte, da war kein Funke mehr. In der letzten Woche vor ihrem Urlaub hatte sie pausenlos von ihrem Garten erzählt, sodass Erik ihr irgendwann aus dem Weg gegangen war.
Aus dem Großraumbüro hörte er Daniel Lilja laut lachen. Erik blieb in der Tür stehen, hätte gern was von dem Telefonat aufgeschnappt, aber der Kollege hatte schon aufgelegt.
Daniel schaute auf, sah ihn und wirkte ertappt.
»Mit wem hast du gesprochen?«, fragte Erik.
»Niemand Besonderem«, sagte Daniel, dabei wurden seine Wangen leicht rot.
»Du kannst es ja doch nicht lange geheim halten«, sagte Erik.
»Ich weiß nicht, was du meinst.«
Daniel hatte offenbar jemanden kennengelernt, aber anders als sonst wollte er nichts über ihn erzählen. Als einziger Grund dafür kam Erik in den Sinn, dass irgendetwas mit diesem Menschen besondere Vorsicht nötig machte. Oder aber es war diesmal was Ernsteres. Wenn es jemanden gab, dem Erik wünschte, endlich die große Liebe zu finden, dann Daniel. In den fünf Jahren, seit er Daniel kannte, war dieser auf unzähligen Dates gewesen, aber mit keinem hatte es funktioniert.
Gertrud Nylander betrat das Büro direkt nach Erik, weshalb er das Thema ruhen ließ. Gertrud war nun schon ein knappes Jahr ihre Chefin. Sie war nur etwa einen Meter fünfzig groß und hatte kurzes weißes Haar – wodurch sie älter aussah als neunundvierzig. Sie stammte ursprünglich von Gotland, aber ihr Akzent hatte sich etwas verschliffen. Der eigentlich so sanfte Dialekt kollidierte mit ihrer direkten, schroffen Art. Soweit Erik wusste, hatte sie zuvor fast ausschließlich in Stockholm gearbeitet.
»Amer macht heute frei, sein Sohn ist krank«, sagte Gertrud. »Ihr beide müsst als Erstes nach Össby im Südosten Ölands fahren.«
»Was ist passiert?«, fragte Daniel.
»Ein Toter wurde im Wasser gefunden. Noch ist unklar, ob es sich um ein Verbrechen handelt.«
»Wer hat es g