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Iyanla
Es war dunkel in dem kleinen Häuschen, dafür aber angenehm kühl. Der Boden unter Simis nackten Füßen fühlte sich fremd an, und sie stellte überrascht fest, dass er aus glatt poliertem roten Lehm war. Langsam gewöhnten sich ihre Augen an das schummrige Licht, und sie sah sich um. Sie stand allein in einem kleinen Raum, und es gab zwei weitere Türen. Eine davon war geschlossen, die andere war offen und führte in einen winzigen Flur.
Vor einem bettähnlichen Sofa, das mit einer orangen handgewebten Decke bedeckt war, stand ein kleiner Tisch. Unter ihm lag eine Strohmatte, und auf der Tischplatte stand eine kleine Schale mit Kolanüssen für Gäste. Der Raum wirkte einfach, aber einladend. Hübsche gelbe Gardinen umrahmten das kleine Fenster. Ihre Mutter bevorzugte dunkle, eintönige Farben. Ihre Wohnung zu Hause in Lagos war in allen denkbaren Grautönen ausgestattet.
Simi setzte ihren schweren Koffer und ihre Sandalen ab und lief zaghaft in den Flur, der in den hinteren Teil des Hauses führte. Dort verbreiterte er sich zu einem Raum, der offensichtlich als Lagerraum diente. Ein hohes, mit Lebensmitteln gefülltes Regal nahm eine Seite des Raums ein. Auf dem Boden vor dem Regal lagen eine große Staude Kochbananen, ein Reissack und ein großer Kanister Palmöl. Lange Yamswurzeln waren ordentlich zu einem Haufen gestapelt. Die andere Seite des Lagerraums war aber der interessantere Teil. Hunderte kleine Tontöpfe, bunte Fläschchen, birnenförmige Phiolen und winzige Päckchen aus braunem Papier und getrockneten Blättern reihten sich in einem hohen Regal aneinander.
»Wieso habe ich das Gefühl, dass du unwissend hierhergeschickt wurdest?«
Simi wirbelte herum. Sie hatte ihre Großmutter nicht kommen hören.
»Unwissend?«, fragte sie und schluckte.
»Deine Verwirrung steht dir deutlich ins Gesicht geschrieben. So wie ich deine Mutter kenne, hast du wahrscheinlich bis vor Kurzem nicht mal gewusst, dass es mich gibt.« Ihre Großmutter hob fragend eine Augenbraue.
Simi verlagerte ihr Gewicht verlegen von einem Bein auf das andere.
»Hat sie vielleicht keine Wahl gehabt? Die Dinge wurden kompliziert, und sie sah keinen anderen Ausweg, als dich herzuschicken?«
Simi sah sie sprachlos an.
»Ist sie etwa in Schwierigkeiten?« Die dunklen Augen ihrer Großmutter bohrten sich so tief in Simi hinein, dass sie wegschauen musste.
»Woher weißt du das? Hat meine Mutter dich doch noch angerufen?«
Ihre Großmutter wedelte ungeduldig mit einer Hand im Raum herum. »Siehst du hier irgendwo ein Telefon?«
Simi spürte, wie ihre Wangen warm wurden, und biss sich auf die Lippen, die immer viel schneller als ihre Gedanken waren.
»Hat sie dir etwa nicht einmal gesagt, in welches verschlafene Dorf sie dich schickt?«
»Doch! Ja. natürlich, ich … ähm … ich hatte das nur vergessen.«
»Darf ich erfahren, weswegen sie mir ihre Tochter schickt, nachdem wir seit Jahren kein Wort gesprochen haben?«
»Also, meine Eltern haben sich getrennt … letztes Jahr … und, ähm, meine Mum muss wegen der Arbeit verreisen«, brachte Simi stotternd hervor.
Sogar jetzt, ein Jahr später, mochte sie immer n