Kapitel 1
»Da bist du ja! Marielle, ma petite, wie schön, dass du wieder da bist!«
Louise Caillou breitete die Arme aus und kam auf Marielle zu. Diese stellte den Koffer ab, den sie hinter sich hergezogen hatte, und umarmte die alte Frau. Seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten, waren ihre Bewegungen noch einen Tick langsamer geworden und die Schultern, die Marielle jetzt unter ihren Händen spürte, waren zerbrechlicher geworden.
Früher war Louise ihr wie ein Fels in der Brandung vorgekommen: unerschütterlich, stark und allen Stürmen trotzend.
Louise schob Marielle ein Stück von sich, um sie besser in Augenschein nehmen zu können.
»Gut siehst du aus«, stellte sie zufrieden fest. »Ein wenig mager vielleicht. Aber nichts, was ein wenig gute Küche nicht wieder hinkriegen würde.«
Marielle lachte. »Untersteh dich! Mein Gewicht würde ich gern halten. Sonst kann der arme Filou mich irgendwann nicht mehr tragen. Wie geht's ihm überhaupt? Habt ihr ordentlich für ihn gesorgt?«
»Was denkst du wohl, ma petite?« Louise guckte streng, wie früher, wenn Marielle etwas ausgefressen hatte. »Natürlich haben wir uns um ihn gekümmert. Er steht gut im Futter und Léo hat ihn regelmäßig bewegt.«
Marielle brannte darauf, in den Stall hinauszulaufen und ihr Pferd zu besuchen, seit sie am Bahnhof von Grasse angekommen war. Louise erriet ihre Gedanken noch genauso gut wie früher, denn sie fügte rasch hinzu: »Untersteh dich! Erst die Menschen, dann die Tiere. Komm erst mal herein.«
Marielle nickte ergeben.
Es würde sich vermutlich nie etwas ändern. Wenn sie nach Hause kam, stand sie unter Louises Fuchtel. Sie führte das ganze Haus mit strenger Hand und hielt alles zusammen. Wie sollte das jemals werden, wenn Louise nicht mehr ...
Marielle verbot sich, den Gedanken zu Ende zu denken. Es war undenkbar. Louise war ihr Leben lang da gewesen.
Jetzt griffen die runzeligen Hände, die von einem arbeitsreichen Leben zeugten, nach dem Griff des Koffers. Marielle wollte ihn ihr aus der Hand nehmen, doch Louise ließ es nicht zu. »Ich werde doch einen kleinen Koffer ziehen können«, schimpfte sie.
»Aber du musst doch nicht ...«
Louise ließ den Koffer los, allerdings nur, um die Hände empört in die Hüften stemmen zu können. »Willst du sagen, dass ich langsam gebrechlich werde?«
Die Vorstellung missfiel Louise offenbar ebenso sehr wie Marielle. Deshalb schüttelte diese den Kopf. »Nein, du doch nicht, Maman Lou.«
»Eben.«
Mit gestrafftem Rücken, aber trotzdem wackeligem Gang strebte Louise mit Marielles Koffer der Hintertür zu, aus der sie beim Erb