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MELBOURNE
MITTE MÄRZ
Phaedra
Mein Blick ruht konzentriert auf den Monitoren, während ich die Zahlen studiere. Ich bin in meinem Element. Die angezeigten Informationen kann ich mühelos verarbeiten, es fällt mir so leicht wie Atmen. Sobald der Wagen fährt und die Daten eingehen, werden die Ziffern zu einem Teil von mir – sie fließen durch mich hindurch, und ich reagiere. Der Rausch ist unvergleichlich.
Als eine von zwei Renningenieuren für Emerald bin ich Teil des Gehirns und Nervensystem unseres Rennstalls.
Andere sind vielleicht das Herz, die Knochen, die Muskeln.
Und wiederum andere sind Ärsche. Mit einem von ihnen rede ich gerade.
»Wir sind nahe dran, Cosmin«, sage ich über den Sprechfunk. »Hör nicht auf, werde nicht langsamer, Legs!«
»Ich liebe es, wenn du so leidenschaftlich bist, dragă«, erwidert er.
Mein Gesicht wird heiß vor lauter Zorn. Es ist seine dritte unangemessene Bemerkung in dieser Runde, obwohl ich ihn bereits einmal gewarnt habe.
Als ich unserem leitenden Ingenieur Lars einen Blick zuwerfe, zuckt er nur mit den Schultern, was so viel heißen soll wieCosminist eben, wie er ist.
»Weißt du was?«, sage ich zu Klaus, unserem Teamchef, der einen Platz weiter sitzt. »Es reicht für heute. Ich werde mal bei Mo vorbeischauen.«
Klaus nickt, während Lars salutiert.
Nachdem ich mein Headset energisch runtergerissen habe, zwinge ich mich dazu, es sanfter abzulegen, als meine Wut es von mir verlangt, ehe ich mich schnellen Schrittes von der Boxenmauer entferne.
Meinen Dad nennen die meisten Leute Mo, die Abkürzung für Morgan – Ed Morgan, Inhaber des Teams. In der Öffentlichkeit tue ich das ebenfalls, denn es ist ohnehin schon schwer genug, als Frau in diesem Beruf zu arbeiten – selbst wenn ichnicht ständig daran erinnert werde, dass ich die Tochter des Rennstallbesitzers bin.
Da meine Familie einNASCAR-Team besaß, bevor wir vor acht Jahren zur Formel 1 übergegangen sind, bin ich sozusagen auf Rennstrecken aufgewachsen. Während der Saison bin ich mit meinem Vater undNC EmeraldNASCAR durch dieUSA gereist, wobei mich stets ein Privatlehrer fürMINT-Fächer begleitete.
Jeder Trottel in diesem Team (wie es mein Dad ausdrückt) weiß, dass ich den Job habe, weil ich eine wahnsinnig gute Ingenieurin bin. Mathematik ist mein Sauerstoff, seitdem ich fünf Jahre alt war, mit achtzehn bin ich aufs College gegangen, hatte mit zweiundzwanzig meinen Master in der Tasche und habe noch im selben Jahr eine Juniorstelle bei Emerald angetreten. In den zehn Jahren, die seitdem vergangen sind, habe ich mein Können immer wieder unter Beweis gestellt.
Nun bahne ich mir meinen Weg zu Mos Büro im Fahrerlager und stelle fest, dass er auf dem Sofa liegt. Der Geruch von Pfefferminz hängt in der Luft, was darauf hindeutet, dass er wieder Kopfschmerzen hat.
Sachte schließe ich die Tür hinter mir. »Hey«, begrüße ich ihn so leise, wie ich kann, aber dennoch so laut, dass er mich trotz der Motorengeräusche hören kann. »Warum gehst du nicht zurück ins Hotel? Bei diesem Lärm wird dein Kopfweh bestimmt nicht besser.«
»Mir geht es gut, Chickadee.« Er hebt den feuchten Waschlappen von seinen Augen. »Ist die Runde beendet?«
»Fast. Jakob war bei 1:23.081, Cosmin