Sol Duc Road
1
Es hätte nicht viel gefehlt, und sie hätten die Sol Duc Road verpasst.
Reines Glück, dachte Kevin Dauth, als er das Lenkrad des Wohnmobils einschlug. Das cremefarbene Kunstleder fühlte sich warm an, fast geschmeidig unter seinen Händen, die klebrig waren vom langen Fahren. Träge scherte das massige Gefährt aus und querte die Abbiegespur, die schon fast vorüber war. Der weiße Linkspfeil auf dem aufgerauten Straßenbelag wirkte eigentümlich gedrungen. Als wäre dort, wohin er zeigte, nicht genug Platz.
Im Rückspiegel war kein anderes Auto zu sehen. Auch keiner jener schwer beladenen Holzlaster, die immer wieder und weit über der zulässigen Höchstgeschwindigkeit über den Highway preschten, oft zwei oder drei dicht hintereinander. Kevin setzte den Blinker. Dabei umfasste er den Hebel neben dem Lenkrad mit der ganzen Faust, ein Griff, der ihm für einen solchen Wagen, der größer war als alles, was er je gefahren war, irgendwie passend schien. Das gleichmäßige Klacken, das jetzt ertönte, klang tiefer als in deutschen Autos. Kevin mochte das Geräusch. Es war beruhigend. Und vorwärtsgerichtet.
Unter dem Kamm des Bergmassivs, auf das sie bis eben zugefahren waren und das von demselben dichten, smaragdgrünen Wald überzogen war, der hier überall wuchs, hatten sich einige lose Wolken gesammelt, die an ihren Rändern ausfransten. Wie Fetzen von etwas, das einmal ganz gewesen war. Kevin wollte einen letzten Blick darauf werfen. Aber die Bäume der Sol Duc Road verbargen bereits alles, was dahinter lag, und rückten es in eine weite, irrelevante Ferne.
Es war aber nicht nur Glück, entschied Kevin dann. Wie ein guter Pass im Handball eben nur dann funktionierte, wenn derjenige, zu dem der Ball gespielt wurde, es auch mitkriegte, war auch Kevin im richtigen Moment geistesgegenwärtig gewesen. Wachsamkeit. Ganz im Hier und Jetzt zu sein. Das war etwas, was ihm schon immer leichtgefallen war. Und offenbar, stellte er zufrieden fest, gehörte es auch zu den Dingen, die wichtig waren, wenn man sich auf einer Reise befand. Wenn man unterwegs war, am Rande der Wildnis. So wie Lara und er.
Eben noch hatten seine Augen auf Laras nackten Zehen gelegen, mehr aus Langeweile. Sie hatte sich die Nägel frisch lackiert, vorhin, während er mit seiner neuen Kamera ein paar Fotos von dem sichelförmigen See geschossen und dabei versucht hatte, die bewaldeten, sich im stillen Wasser spiegelnden Hänge mit aufs Bild zu bekommen. Er hätte gern auch eine Aufnahme mit Lara gemacht, im Vordergrund, aber sie war nicht aus dem Wohnmobil gekommen. Wenn er an den Abenden die Fotos auf dem kleinen Display durchging, stellte sich bei ihm oft der Eindruck ein, dass die Bilder allesamt seltsam leer blieben und ohne Bedeutung, wenn nicht Lara mit drauf war, oder sie beide. Vielleicht war es aber auch nur eine Sache des Fokus. Die Bedienungsanleitung für die Kamera hatte er zu Hause gelassen.
Seit der kurzen Pause am See war sein Blick immer wieder zu ihren Füßen gewandert, die sie hochgelegt hatte, auf die Ablage über dem Handschuhfach. Es gab da eine Stelle, kurz oberhalb des Nagelbetts an ihrem linken mittleren Zeh, die sie offenbar übersehen hatte und die jetzt fahl und hell glänzte, immer dann, wenn die Bäume einen Strahl der Nachmittagssonne durchließen, der dann, plötzlich und warm, in die Fahrerkabine fiel.
Lara war neunundzwanzig. Die letzten fünfzehn Jahre da-von – inzwischen bereits etwas mehr als die Hälfte