HUNDEFUTTER
Gordon Goulde ist ein Lügner!, dachte Henry, als ihm sein Onkel in das kratzige Jackett half.
„Muss ich die Fliege wirklich tragen?“
Onkel Nat lachte. „Wenn du nicht die Gelegenheit ergreifst, in einem königlichen Zug eine Fliege zu tragen, wann willst du es denn dann tun?“ Er hob sie hoch. „Hast du dich nie gefragt, wie es wäre, ein Prinz zu sein?“
Henry betrachtete die rostfarbene Schleife stirnrunzelnd. Onkel Nat schlug ihm den Hemdkragen hoch und band ihm mit geschickten Fingern die Fliege um. Henry betrachtete sich im Spiegel über dem Waschbecken. Er sah piekfein aus. Wenn er so zur Schule gehen würde, würde er mit Sicherheit ausgelacht werden.
„Betrachte es als Kostüm. Du könntest so tun, als seist du ein Spion.“ Onkel Nat wackelte mit den Augenbrauen. „Mein Name ist Beck – Henry Beck.“
Ich bin ein Spion, dachte Henry und starrte sein Spiegelbild an,und ich werde herausfinden, wer dieses Mädchen ist und warum Gordon Goulde lügt.
„Nun, gehen wir essen? Ich bin am Verhungern!“
Im Speisewagen war es voll. Der köstliche Duft des Essens aus der Küche ließ Henrys Magen knurren. Onkel Nat schlängelte sich zu ihrem Tisch durch, an dem nur der Fotograf Isaac saß. Sierra und ihre Freundin aßen an einem Tisch zusammen mit Steven und Lydia Pickle. Ernest White hatte einen Tisch für sich auf der anderen Seite des Ganges, und ganz hinten saßen der Baron und sein mürrischer Sohn. Wenn der Zug schwankte, klirrten Gläser und Besteck, aber das schien niemanden zu stören.
„Warum ist denn Sierra Knight mit auf der Grand Tour?“, erkundigte sich Henry, als Schüsseln mit dampfender Suppe vor sie hingestellt wurden.
„Sie ist eine Freundin der Prinzessin“, erwiderte Isaac und nahm seinen Löffel. „Sie haben vor einigen Jahren zusammen gearbeitet. Sie sagt, sie wollte kommen, weil sie sich auf eine Rolle über eine weibliche Lokführerin im Zweiten Weltkrieg vorbereiten will.“
„Traurigerweise gab es bis in die 80er-Jahre keine weiblichen Lokführerinnen“, meinte Onkel Nat kopfschüttelnd.
„Ist ihre Freundin auch Schauspielerin?“, wollte Henry wissen.
„Das ist nicht ihre Freundin“, erklärte Onkel Nat. „Das ist Lucy Meadows, Sierra Knights persönliche Assistentin.“
Henry sah zu ihnen hinüber. Sierra sah aus dem Fenster. Er fragte sich, was sie wohl ansah, bis sie ihre Lippen schürzte und er erkannte, dass es ihr Spiegelbild war.
„Oh Lucy!“, sagte Sierra und berührte ihre Assistentin am Arm. „Stell dir mal vor, wie ich mich aus dem Fenster der Lokomotive lehne und in die Kamera sehe.“ Sie hielt inne und riss die Augen auf. „Mit dem Zug zu reisen, gibt einem so vielFreiheit!“, proklamierte sie. Dann lächelte sie selbstzufrieden. „Das ist doch eine gute Zeile, oder? Schreib es auf, wir schicken es dem Drehbuchautoren.“
Pflichtschuldig nahm Lucy ein Notizbuch und einen Stift aus der Tasche ihrer Strickjacke, während Steven Pickle gegenüber seine Erbsensuppe schlürfte.
„Ich liebe diese Brosche“, schniefte Lydia Pickle. „So eine habe ich noch nie zuvor gesehen – eine große Schleife mit Diamanten besetzt. Ich liebe Schleifen. Der Juwelier hat gesagt, es sei ein Einzelstück. Alle Mädels im Salon lieben sie. Sie glitzert so schö