1. KAPITEL
„Ist die Post gekommen?“, fragte Seth Gilbert seine Tochter.
Fleur bückte sich, um die Rechnungen, die Kataloge und die übrige Post, die auf der Matte verstreut waren, aufzuheben, und rief nach oben: „Tom, wenn du nicht in zwei Minuten unten bist, hole ich dich.“
„Nun mal langsam, Mädchen. Wenn der Junge ein paar Minuten zu spät zur Schule kommt, bedeutet das nicht das Ende der Welt.“
Sie legte die Post auf den Küchentisch, an dem ihr Vater saß. „Vielleicht nicht. Aber für uns kann es das Ende sein, wenn ich zu spät zu dem Termin mit der neuen Filialleiterin der Bank komme. Wenn wir den Stand auf der Chelsea-Flower-Show wirklich buchen wollen, brauchen wir sie auf unserer Seite.“
Bestimmt fiel ihm auf, wie unsicher sie klang. Denn er hörte mit dem Sortieren der Briefe auf und sagte so entschlossen wie schon lange nicht mehr: „Ja, Fleur, das wollen wir wirklich.“
Das machte den heutigen Termin noch viel bedeutsamer. Sie schloss die Augen und versuchte, ihre Nervosität unter Kontrolle zu bringen.
Der bisherige Filialleiter war ihnen immer sehr gewogen gewesen, doch dann war er in den Ruhestand versetzt worden. Für die Gilberts hätte der Zeitpunkt nicht schlechter sein können. Brian hatte gewusst, wie schwierig das Gartenbaugeschäft war, hatte ihre Erfolge mit ihnen gefeiert und sie geduldig in den schwierigen letzten sechs Jahren unterstützt. Er hatte ihnen Raum zum Atmen gegeben, die Chance, sich finanziell zu erholen.
Fleur wünschte sich, sie hätte mehr tun können, als die Blumenbänke der Bank zu erneuern, um ihn für sein Vertrauen zu belohnen. Selbst wenn bis zur Blumenschau alles nach Wunsch verlief, stellte das Ganze ein großes Risiko dar. Sie war sich nicht sicher, ob ihr Vater bei seiner angegriffenen Gesundheit dem Stress gewachsen war, Zierpflanzen von bester Qualität an einem ganz bestimmten Tag im Mai zu liefern. Aber da sie ihn nicht von seinem Vorhaben abbringen konnte, blieb ihr nur der Versuch, ihm die finanziellen Sorgen vom Hals zu halten. Leider hatte Delia Johnson, die neue Filialleiterin, sie prompt zu einem „Gespräch“ ins Büro eingeladen.
Fleur befürchtete, ihre Glückssträhne könnte vorbei sein. Sie war überzeugt, dass Mrs. Johnson es sich zum Ziel gesetzt hatte, alle Kunden, deren Konten im Minus waren, abzuservieren. Das machte sie an diesem Morgen auch so gereizt.
Sie musste in Topform sein, um die Filialleiterin davon zu überzeugen, dass es sich für die Bank lohnen würde, ihnen den Kredit einzuräumen, den sie für die Teilnahme an der bedeutendsten Gartenbauausstellung der Saison brauchten.
„Mach dir keine Sorgen“, sagte ihr Vater beruhigend, „das kriegst du schon hin. Du hast zwar meinen grünen Daumen und die Schönheit deiner Mutter geerbt, aber glücklicherweise übertriffst du uns beide an Geschäftstüchtigkeit.“ Er lächelte, als er bemerkte, wie viel Mühe sie sich mit ihrem Aussehen gemacht hatte. „Du siehst wirklich hübsch aus.“
Fleur wusste, wie sie aussah. Schließlich musste sie tagtäglich mit ihrem Spiegelbild leben. Weil sie weder die Zeit noch das Geld für einen Friseur oder teure Kosmetika aufbrachte, war die Ähnlichkeit mit ihrer Mutter weniger ausgeprägt, als sie hätte sein können. Aber schließlich war sie auf die harte Tour gezwungen gewesen, sich ums Geschäft zu kümmern, als man sie ins kalte Wasser gestoßen hatte. Schwimmen oder untergehen, das war die Alternative gewesen. Noch immer strampelte sie sich ab. Es war ihr nicht möglich gewesen, nach diesem schrecklichen Jahr, in dem ihre Welt – ihrer aller Welt – zusammengebrochen war, wieder an ihr altes Leben anzuknüpfen.
Ihrem Vater fehlte jedes Interesse an den Finanzen der Firma. Außerdem hatte Fleur entdecken müssen, dass ihre Mutter ihr