1. KAPITEL
Oktober, sechzehn Jahre später
Meg Thornton musterte den düster blickenden Mann, der die Bäckerei betreten hatte. Er war groß, athletisch gebaut, trug eine Lederjacke und Cowboystiefel.
„Guten Tag“, sagte sie und wünschte, die Familie, die sich bei Kaffee, Kuchen und Limonade hier versammelt hatte, wäre nicht vor ein paar Momenten gegangen.
Der Fremde musterte sie durch seine Sonnenbrille. Sein Blick irritierte sie. War ihr grauer Pullover im letzten Monat zu eng geworden? Schaute der Mann auf ihre größer gewordenen Brüste? Würde er Meg ebenso verurteilen wie die übrigen Bewohner von Kane’s Crossing, wenn er wüsste, dass sie ein süßes kleines Geheimnis in ihrem Bauch verbarg?
Als sie keine Antwort bekam, fragte sie: „Kann ich etwas für Sie tun?“
Ihr Blick fiel auf das Loch im Knie der abgetragenen Jeans. Ihr Herz setzte einen Schlag lang aus. Wollte er sie ausrauben? Das Geld in der Kasse reichte nicht einmal für eine neue Hose, aber sie hatte die Miete für die Bäckerei zu bezahlen. Und in einigen Monaten bekam sie ihr Baby.
Trotzig hob Meg das Kinn. Sie war entschlossen, sich nicht einschüchtern zu lassen.
„Was wollen Sie, Mister?“, fragte sie selbstbewusst.
Er trat so nahe auf sie zu, dass Meg die Kerbe am stoppeligen Kinn sehen konnte. Seltsam, irgendetwas an dem Mann kam ihr bekannt vor. Langsam nahm er die Sonnenbrille ab. Unwillkürlich hielt Meg die Luft an.
Eisblaue Augen. Tiefgründig und undurchdringlich.
Er stand einfach da, als warte er auf eine Reaktion von ihr. Welche denn? Mochte sein, dass andere Frauen seufzend vor ihm zusammensanken, wenn er nur seine Sonnenbrille abnahm. Sie gehörte garantiert nicht dazu.
„Was kann ich für Sie tun?“, fragte sie betont akzentuiert.
Ein knappes Lächeln, dann blickte er auf seine Hände. Starke Hände.
Von einem der Resopaltische in der Ecke streckte der alte Deacon Chaney seinen Kopf neugierig vor. Großartig. So konnte sie wenigstens ihrem letzten Kunden etwas Unterhaltung bieten.
„Ich fasse es nicht“, röhrte er. „Sind wir hier im Wilden Westen?“
Meg ging das John-Wayne-Gehabe des Fremden auf die Nerven. „Was ist los mit Ihnen? Soll ich den Sheriff rufen?“
Als würde Sheriff Carson ihr zu Hilfe kommen, der sie genauso wie der Rest dieser hochmoralischen Gemeinde verachtete.
Der Mann musterte sie, bevor er ihr in die Augen blickte. Sie wurde rot. Ihr Instinkt riet ihr, sich in den hinteren Raum zu flüchten. Aber sie hatte sich noch nie versteckt. Nicht vor den Bewohnern der Stadt und gewiss nicht vor diesem Mann.
„Sie haben wohl nicht verstanden, dass ich gleich den Sheriff hole“, versuchte sie ihr Glück noch einmal, während sie sich im Stillen wünschte, er würde verschwinden.
Plötzlich brach der Mann in Lachen aus. „Dieser Sheriff ist keinen Penny wert.“ Er wollte seine Sonnenbrille wieder aufsetzen, überlegte es sich offenbar anders und schob sie in seine Hemdtasche. Dann ließ er sich auf einen der Barhocker nieder, beugte sich über den Tresen und strich sich mit Daumen und Zeigefinger über den Stoppelbart. Er lachte nochmals und schüttelte den Kopf.
Meg kannte ihn, da war sie sich jetzt sicher, doch sie konnte sein Gesicht noch nicht einordnen.
Als sie seinen Blick auffing, glaubte sie so etwas wie Schmerz in diesen unglaublich blauen Augen zu entdecken. Sie hatte ihn völlig falsch eingeschätzt. Offensichtlich war der Mann seelisch zerrüttet. Als wortlose Entschuldigung stellte sie eine Tasse Kaffee vor ihn hin. Ein Friedensangebot.
Er hob die Tasse und nahm einen Schluck. Mit verschränkten Armen vor der Brust trat Meg einen Schritt