: Bernd Rebe
: Die geschönte Reformation Warum Martin Luther uns kein Vorbild mehr sein kann. Ein Beitrag zur Lutherdekade
: Tectum-Wissenschaftsverlag
: 9783828856004
: 1
: CHF 13.50
:
: Religion/Theologie
: German
: 108
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB/PDF
Die auch bei Kirchenfernen beliebte Theologin Margot Käßmann wurde von der EKD medienwirksam zur 'Botschafterin' für das Reformationsjubiläum ernannt. Denn im Jahr 2017 jährt sich der legendäre Thesenanschlag Luthers zum fünfhundertsten Mal. Die Jahre 2008 bis 2017 wurden deshalb gar zur 'Lutherdekade' erklärt. Frau Käßmann hat keine leichte Aufgabe. Einerseits berufen sich die protestantischen Kirchen teils schon in ihrem Namen auf Luther und gründen auf der von ihm ausgelösten 'Reformation'. Andererseits werden bis zum Jubiläum in der Öffentlichkeit auch die dunklen Seiten Luthers so präsent sein wie nie zuvor: sein paranoider Judenhass, seine intolerante Glaubensenge, sein völlig inakzeptables Frauenbild und auch die vielfach verkrustete Mittelalterlichkeit seiner Glaubenspositionen. Wie soll man sich dem Lutherjubiläum stellen? Bernd Rebe setzt sich in diesem Buch mit den verschiedenen Sichtweisen auf die Reformation und ihren Wirkungen auseinander. Dabei unterzieht er auch Grundfragen des paulinischen Christentums - zu dem der Re-Formator ja wieder hin wollte! - einer kritischen Revision. Und er stellt in einigen Grundzügen 'das Glaubenswagnis der Goethezeit' als eine nachaufklärerische Alternative zur überinterpretierten Reformation vor.

Bernd Rebe, Jahrg. 1939, em. Prof. für Zivilrecht und Wirtschaftsrecht, von 1983 bis 1999 Präsident der TU Braunschweig, Autor mehrerer rechtswissenschaftlicher, politikwissenschaftlicher und kulturhistorischer Veröffentlichungen, darunter zu Fragen der Religion"Chancen des Glaubens im technologischen Zeitalter" (abgedruckt in den"Denkerkundungen" des Autors). Zur Weltfinanzkrise hat der Autor zusammen mit Peter Braun 2010"Die Tyrannei der Fresskette" veröffentlicht, 2011 folgten als belletristische Publikationen die"LiebesLegenden" und 2012 der deutsch-jüdische und deutsch-türkische Roman"Südlichtwende" .

Was dürfen wir glauben? 
Vom Umbruch der Religionen und den Herausforderungen des Christentums

»Ich möchte an dieser Stelle noch einige Anmerkungen zu einigen bisherigen Reaktionen auf das hier in überarbeiteter Ausgabe neu vorgelegte Buch machen, weil sie … den völlig unbefriedigenden Stand der gegenwärtigen intellektuellen Auseinandersetzung mit den tradierten, immer noch sehr einflussreichen Religionen deutlich machen können. Diese Auseinandersetzung ist immer noch geprägt von einem so nicht mehr erwarteten Ausmaß an Verdrängung, Desinformation, Inkonsequenz, Dialogverweigerung, aber auch Konfliktscheu, Feigheit und Anpassung an mächtige und reiche Institutionen.
Das kaum zu überschätzende Ausmaß an Halb- und Unwissen über grundlegende Glaubenstatsachen, biblische und andere klassische Texte, historische Begebenheiten, eine »schizoide« Spaltung zwischen fachtheologischer Relativierung und nach wie vor gepredigter und immer noch ziemlich ungebrochener volk
skirchlicher) Gläubigkeit (vgl. auch Lüdemann zur entsprechenden Schizoidie der Pfarrerausbildung, besonders in der evangelischen Kirche) sind weiter kennzeichnend für die gegenwärtige religiöse Situation.«
(Franz Buggle in seiner Streitschrift Denn sie wissen nicht, was sie glauben17) 

1. Zeichen des Umbruchs

Die religiöse Situation der Zeit ist durch eine verwirrende Unübersichtlichkeit gekennzeichnet, in der sich aber dennoch zwei vordergründig entgegen gesetzte Strömungen beobachten lassen: Da ist einmal ein rasanter Bedeutungsverlust von Religionen und Religiosität zu beobachten, andererseits aber auch eine fast erschreckende Zunahme an religiös motivierten, sogar politisch wirksamen Positionen und Verhaltensweisen, durch die unser friedliches Zusammenleben und die bisher fraglose Geltung grundrechtlicher Freiheiten bedroht werden. Die Bedeutungszunahme des Religiösen zeigt sich nicht nur an den fundamentalistischen Rändern der drei Großreligionen, nicht nur in der Inanspruchnahme religiöser Jenseitsgewissheiten für Terrorakte, sondern sie zeigt sich – in ihrer eigentlich bedrohlichsten Erscheinung – im evangelikalen Fundamentalismus vor allem in den USA. Hartmut Heuermann hat in seiner grundlegenden Studie »Religion und Ideologie. Die Verführung des Glaubens durch die Macht«18 schon auf das Entstehen des Fundamentalismus in den USA hingewiesen, wo ein Autorenkollektiv protestantischer Theologen zwischen 1910 und 1915 ein zwölfbändiges Manifest »The Fundamentals: A Testimony to the Truth« veröffentlicht hatten. Nach Heuermann war »das Opus…eine aus Sorge um Glaubensverfall und Unbehagen am Säkularismus verfasste Denkschrift zur Erneuerung christlichen Glaubens durch Festigung biblischer Fundamente«, und wirkt der Fundamentalismus als »ein Politikum erster Ordnung« notwendig in die Gesellschaft hinein.

Einen neuen Höhepunkt in der fundamentalistischen Verirrung hat im ersten Halbjahr 2012 der republikanische Vorwahlkampf markiert, in dem zwei (zum Glück nur vorübergehende!) Kandidaten jedes irgendwie gehaltvolle Programm oder auf die pressenden realen Probleme des Landes bezogenen Aussagen vermieden und fast ausschließlich nationalistisch-fundamentalistische Phrasen und religiöse Scheingewissheiten popularisiert haben.

Während nun dieser (hoch problematische) Bedeutungszuwachs des Religiösen durchaus aggressive und messianische Züge trägt, vollzieht sich sein Bedeutungsverlust mehr im Stillen und in der Erstarrung traditionalistischer Riten und Formeln. Wer jemals eine bürgerlich-christliche Trauerfeier miterlebt hat – und mit zunehmendem Alter macht man diese Erfahrung immer häufiger –, der muss als empfindsamer Mensch der Erfahrung zustimmen, dass das eigentlich Deprimierende dieser Leichenbegängnisse die leere Theatralik der Rituale und die Zuflucht zu den alten Leerformeln ist, die keinerlei Trost mehr spenden können. 

Aber nun kommt meine eigentliche These, die auch das »vordergründig entgegengesetzt« im Eingangssatz erklärt: Beides, der Bedeutung