Was dürfen wir glauben?
Vom Umbruch der Religionen und den Herausforderungen des Christentums
»Ich möchte an dieser Stelle noch einige Anmerkungen zu einigen bisherigen Reaktionen auf das hier in überarbeiteter Ausgabe neu vorgelegte Buch machen, weil sie … den völlig unbefriedigenden Stand der gegenwärtigen intellektuellen Auseinandersetzung mit den tradierten, immer noch sehr einflussreichen Religionen deutlich machen können. Diese Auseinandersetzung ist immer noch geprägt von einem so nicht mehr erwarteten Ausmaß an Verdrängung, Desinformation, Inkonsequenz, Dialogverweigerung, aber auch Konfliktscheu, Feigheit und Anpassung an mächtige und reiche Institutionen.
Das kaum zu überschätzende Ausmaß an Halb- und Unwissen über grundlegende Glaubenstatsachen, biblische und andere klassische Texte, historische Begebenheiten, eine »schizoide« Spaltung zwischen fachtheologischer Relativierung und nach wie vor gepredigter und immer noch ziemlich ungebrochener volkskirchlicher) Gläubigkeit (vgl. auch Lüdemann zur entsprechenden Schizoidie der Pfarrerausbildung, besonders in der evangelischen Kirche) sind weiter kennzeichnend für die gegenwärtige religiöse Situation.«
(Franz Buggle in seiner Streitschrift Denn sie wissen nicht, was sie glauben17)
1. Zeichen des Umbruchs
Die religiöse Situation der Zeit ist durch eine verwirrende Unübersichtlichkeit gekennzeichnet, in der sich aber dennoch zwei vordergründig entgegen gesetzte Strömungen beobachten lassen: Da ist einmal ein rasanter Bedeutungsverlust von Religionen und Religiosität zu beobachten, andererseits aber auch eine fast erschreckende Zunahme an religiös motivierten, sogar politisch wirksamen Positionen und Verhaltensweisen, durch die unser friedliches Zusammenleben und die bisher fraglose Geltung grundrechtlicher Freiheiten bedroht werden. Die Bedeutungszunahme des Religiösen zeigt sich nicht nur an den fundamentalistischen Rändern der drei Großreligionen, nicht nur in der Inanspruchnahme religiöser Jenseitsgewissheiten für Terrorakte, sondern sie zeigt sich – in ihrer eigentlich bedrohlichsten Erscheinung – im evangelikalen Fundamentalismus vor allem in den USA. Hartmut Heuermann hat in seiner grundlegenden Studie »Religion und Ideologie. Die Verführung des Glaubens durch die Macht«18 schon auf das Entstehen des Fundamentalismus in den USA hingewiesen, wo ein Autorenkollektiv protestantischer Theologen zwischen 1910 und 1915 ein zwölfbändiges Manifest »The Fundamentals: A Testimony to the Truth« veröffentlicht hatten. Nach Heuermann war »das Opus…eine aus Sorge um Glaubensverfall und Unbehagen am Säkularismus verfasste Denkschrift zur Erneuerung christlichen Glaubens durch Festigung biblischer Fundamente«, und wirkt der Fundamentalismus als »ein Politikum erster Ordnung« notwendig in die Gesellschaft hinein.
Einen neuen Höhepunkt in der fundamentalistischen Verirrung hat im ersten Halbjahr 2012 der republikanische Vorwahlkampf markiert, in dem zwei (zum Glück nur vorübergehende!) Kandidaten jedes irgendwie gehaltvolle Programm oder auf die pressenden realen Probleme des Landes bezogenen Aussagen vermieden und fast ausschließlich nationalistisch-fundamentalistische Phrasen und religiöse Scheingewissheiten popularisiert haben.
Während nun dieser (hoch problematische) Bedeutungszuwachs des Religiösen durchaus aggressive und messianische Züge trägt, vollzieht sich sein Bedeutungsverlust mehr im Stillen und in der Erstarrung traditionalistischer Riten und Formeln. Wer jemals eine bürgerlich-christliche Trauerfeier miterlebt hat – und mit zunehmendem Alter macht man diese Erfahrung immer häufiger –, der muss als empfindsamer Mensch der Erfahrung zustimmen, dass das eigentlich Deprimierende dieser Leichenbegängnisse die leere Theatralik der Rituale und die Zuflucht zu den alten Leerformeln ist, die keinerlei Trost mehr spenden können.
Aber nun kommt meine eigentliche These, die auch das »vordergründig entgegengesetzt« im Eingangssatz erklärt: Beides, der Bedeutung