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Samstag
Anton
Sanftes, gleichgültiges Licht, das die engen Straßen des Weddings mit einer gnädigen Unschärfe überzieht, die buckelige Länge ihrer kopfsteingepflasterten Muskelstränge, von denen am Morgen noch immer die gesammelte Hitze der letzten Tage abstrahlt. Auch den stinkenden Dunst über der Panke lässt es leuchten wie einen von Zauberhand nachlässig gestreiften Nebel. Die Panke, eine der Schlagadern des Weddings, Transportband für seine Laugen und Säuren, für Kloake und Müll.
An ihrem Ufer entlang schlendert Anton, einen Korb über dem Arm, und pfeift. Auf der Straße dreht sich ein Seil. Kinder springen unter krähenden Gesängen hinein in den schweren, rotierenden Strick. Am Seilende erkennt er Fred aus dem vierten Stock, einen spargelig aufgeschossenen 13-Jährigen, der angestrengt versucht, die eckigen Bewegungen seiner langen Arme in einen schwingenden Kreis zu verwandeln. »Verliebt, verlobt, verheiratet, Kind gekriegt, geschieden. Wie viel Kinder wirst du kriegen? Eins, zwei, drei, vier …« Weiter kommen sie nicht, denn Anton tippt grüßend zwei Finger an die Mütze, und Fred vergisst das Seil, das prompt den Springern auf die Köpfe fällt. Sofort erhebt sich Protest: »Ej, du Pfeife, mach hinne.«
Anton lacht und geht weiter. Auf der Schulzendorfer Brücke wartet ein dünner Mann auf ihn, dreht aber ab, bevor er ihn erreicht, und fordert ihn mit einem Kopfnicken auf, ihm zu folgen. Anton kraust die Stirn. Aber der Tag ist jung, der Morgen noch nicht heiß, also folgt er ihm bereitwillig die Sellerstraße entlang bis zum Becken des Nordhafens. Er geht ein paar Schritte hinter ihm, als hätten zwei Fremde zufällig denselben Weg, aber er wundert sich über das grußlose Schweigen und die Strecke. Man wird sehen, denkt er, und sonst denkt er sich nichts, denn er weiß, dass das Deutsch des Dünnen schlecht ist, und irgendwer wird ihm schon erklären, was das soll.
In Höhe der Kieler Brücke schlüpfen sie nacheinander durch ein Loch im Zaun auf das Gelände der städtischen Gasanstalt. Anton sieht sich um. Über das Pflaster hetzt eine Kolonne aus Pferdewagen, Motordroschken und Fahrrädern, schieben Händler ihre Karren mit Äpfeln, Kartoffeln, Wirsingköpfen und Zwiebeln, scheppert ein Kesselflicker sein Wägelchen an ihm vorbei. Selbst früh am Morgen ist die Eile groß. Niemand beachtet Anton. Er eilt dem Dünnen nach, der zwischen den rußschwarzen Bauten der Gasanstalt verschwindet.
In drei Schichten wird hier rund um die Uhr Steinkohle in den großen Eisenbehältern zu Gas und Koks verarbeitet. Unablässig werden die Retorten von Heizern befeuert, unablässig stoßen die Öfen Qualm und Ruß über die eng gebauten Arbeiterquartiere des Weddings. Aber die Stadt wird elektrifiziert, der Verbrauch sinkt, und auf dem Gelände der Gasanstalt gibt es jetzt zunehmend Ecken, in die niemand mehr schaut, Ecken, die vergessen werden, in denen ausrangierte Maschinen rosten und sich Staub auf Kisten, Latten und Bohlen legt. In einer dieser Ecken steht ein windschiefer Schuppen, Lager für alles, was die Gasanstalt nicht mehr braucht, gleich neben dem Wehr, über das sich rauschend ein Arm der Panke ins Becken des Nordhafens ergießt.
Dahin, in diesen Schuppen, bringt ihn der Dünne. Anton gleitet durch den Türspalt und steht im Dunkeln. Er braucht etwas, bis sich seine Augen an den Dämmer gewöhnen. Er sieht die Umrisse rostiger Kessel bucklig in der Dämmerung kauern, Drahtrollen in mäandernder Auflösung, schwarze Quader, Kisten. Auf einem auseinandergerissenen Holzstapel kann er ein schmuddeliges Lager aus Säcken und Fetzen erkennen, aber es ist leer