2. KAPITEL
Deutschland, im Jahre 1111
Anfang Mai gelangte Mathilde in die deutsche Stadt Mainz, wo der Kaiser sie erwarten würde, wie man ihr gesagt hatte. Doch als sie zur Vesperstunde in dem tristen Steinpalast vorsprachen, war der Kaiser noch nicht zugegen. Statt dessen empfing sie eine Gruppe steifer Herren in mittleren Jahren, die in düstere graue oder dunkelbraune Gewänder gekleidet waren, und eine zerbrechlich wirkende, dünne Frau, die ein Raubvogelgesicht und einen leichten Schnurrbart hatte. Sie trug ein dunkelgraues Obergewand und auf dem Kopf einen weißen Schleier und betrachtete Mathilde mit strengem Blick. Graf von Hennstien, der sie von England nach Deutschland begleitet hatte, war verschwunden, ebenso wie alle anderen Mitglieder ihrer Reisegesellschaft einschließlich Aldyth. Niemand gab ihr eine Erklärung, und als sie eine Frage stellte, antworteten sie auf deutsch, was Mathilde nicht verstand.
Man reichte ihr ein Stück schwarzen Brotes, das in warme Milch eingetaucht war, und schickte sie dann in eine große, feuchte Schlafkammer, an deren Wänden dunkelrote und blaue Tapisserien hingen, die die Folterung von Märtyrern zeigten. Die Folterszenen waren so eindringlich dargestellt, daß Mathilde sich die Decke über den Kopf zog. Sie umklammerte den silbernen Ring, den ihr Vater ihr gegeben hatte, und weinte sich leise in den Schlaf.
Als sie am nächsten Morgen erwachte, war noch immer nichts von Aldyth zu sehen. Krank vor Angst und Verunsicherung, verkroch sie sich unter die pelzbesetzte Bettdecke und wünschte sich von ganzem Herzen, bald wieder in England zu sein. Dieselbe graukleidete Frau, die sie gestern empfangen hatte, trat in die Kammer, sagte etwas auf deutsch und zog ihr dann das safrangelbe Kleid und das bernsteinfarbene Obergewand an, in denen sie aus England abgereist war. Um den Hals legte sie ihr ein mit Perlen geschmücktes goldenes Kreuz, das Mathilde noch nie gesehen hatte, und führte sie über die Wendeltreppe in den Hof hinunter. Der Himmel war mit grauen Wolken bedeckt, die Luft warm und lau. Sie bestiegen eine kleine Sänfte und wurden ein kurzes Stück Weges zu einer großen Kirche getragen, die inmitten eines gepflasterten Platzes stand und deren Glocken gerade zur Prim läuteten.
In der Kirche, in der sich die Meßbesucher drängten, war es kalt und düster. Als Mathilde über den Gang zu ihrem Platz geführt wurde, spürte sie, daß die Leute sich die Hälse verrenkten, um sie zu sehen. Der Duft von Weihrauch, der Gesang des Chors und die feierliche Intonation der Gebete verwirrten Mathilde. Nach dem Ende der Messe wurde sie zum Palast zurückgebracht.
Als sie in ihre Kammer zurückkehrte, erwartete sie dort Graf von Hennstien. Gott sei Dank hatte sie nun jemanden, der normannisches Französisch verstand.
»Wo ist Aldyth?« fragte sie.
»Ich bedaure, Prinzessin, aber Eure gesamte Gefolgschaft wird auf Befehl des Kaisers nach England zurückgesandt werden.«
Mathilde spürte, wie ein eisiger Schauer durch ihren Körper lief. Aldyth sollte weggeschickt werden? Der Kaiser konnte doch nicht so grausam sein. Tränen stiegen in ihren Augen auf, doch sie drängte sie zurück, als ihr der Satz ihres Vater wieder einfiel, wonach es sich für eine Enkelin des Eroberers nicht ziemte zu weinen.
»Warum?« flüsterte sie.
Der Graf blickte unbehaglich in der Kammer umher. »Der Kaiser ist der Ansicht, daß Ihr schneller Deutsch lernen und Euch leichter an die neue Umgebung gewöhnen werdet, wenn Ihr nicht ständig an England erinnert seid.«
»Ich möchte Aldyth wiederhaben«, sagte sie mit erstickter Stimme.
»Ich bedaure, aber das ist nicht möglich. Begreift doch, was für ein Glück Ihr habt. Der Kaiser ist einer der mächtigsten Herrscher, sein Einfluß reicht im Süden bis nach Italien und im Osten bis nach Ungarn.«
Diese Ländernamen sagten ihr nichts. »Ich möchte nach Hause. Sofort.«
»Ich bedaure, aber das geht nicht. Es sind bereits alle Vorbereitungen für die Verlobung getroffen.«
»Dann werde ich danach nach England zurückkehren.«
»Aber Ihr könnt doch nicht nach England zurück, Prinzessin. Nach der Verlobung werdet Ihr in Deutschland leben, die Sprache lernen und Euch mit den Gebräuchen vertraut machen. Wenn Ihr dann mit dreizehn Jahren heiratet, werdet Ihr schon fast eine richtige Deutsche sein.«
Mathilde erwiderte nichts.
»Jetzt eßt. Ihr müßt bei Kräften bleiben. Der Kaiser wird