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Roland Kundl saß auf der Holzbank vor der Kaimauer und beobachtete die Einfahrt derMS Sonnenkönigin. Das hochmoderne Schiff faszinierte ihn jedes Mal, wenn er es sah. Was für ein Kontrast zwischen dem im Sonnenlicht flirrenden Bootskörper und dem altehrwürdigen bayerischen Steinlöwen, der die Lindauer Hafeneinfahrt bewachte.Tradition und Moderne auf einen Blick, schwärmte Kundl und vergaß für einige Augenblicke seine Sorgen. Wie in Zeitlupe drehte dieSonnenkönigin im engen Hafenbecken, näherte sich mit dem Heck der Kaimauer und legte längs an dem Steg an. Schon wurden die beiden Gitterbrücken auf den Landungssteg geschoben und die ersten Passagiere verließen das Schiff.
Kindheitserinnerungen wurden wach. Als kleiner Bub war Kundl mit seiner Großmutter oft Dampfer gefahren, von Lindau hinüber nach Rorschach in die Schweiz, um dort einzukaufen. Heute konnte man sich das gar nicht mehr vorstellen. Heute fuhren die Schweizer mit ihrem wertvollen Franken nach Bregenz oder Lindau zum Shoppen. Damals war vieles in der Schweiz deutlich billiger als in Deutschland gewesen, und die Oma hatte unter anderem stets einige Kilogramm Butter gekauft. Der kleine Roland hatte eine Tafel Schokolade als Belohnung dafür bekommen, dass er Großmutter begleitete.
Diese Fahrten über den Bodensee, hinüber zu seinem Südufer, waren für Kundl wie Reisen in eine andere Welt gewesen. Selbst heute hatten die Erinnerungen noch den Anstrich von einem Aufbruch in die weite Welt. Damals wie heute fand Roland Kundl die Schiffspassagen aufregend. Allerdings war aus Omas Butter in den letzten Jahren Bargeld geworden, das er ohne die vorgeschriebene Deklarierung über die Grenze brachte. Diese Botengänge bereiteten ihm zunehmend Kopfzerbrechen und trugen zu den Sorgen bei, die ihm durch den Kopf schwirrten, nachdem die meisten Passagiere dieSonnenkönigin verlassen hatten. Kundl trug sich mit dem Gedanken, sich bei der Zoll- und Steuerfahndung als Kronzeuge zur Verfügung zu stellen, um den eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, von der er ahnte, dass sie sich zuzog. In seiner privaten Telefonanlage vernahm er seit einigen Tagen ein verräterisches Knistern, wenn er ein Gespräch entgegennahm. Er hatte den Verdacht, abgehört zu werden. Ebenso war ihm in den letzten zwei Wochen ein betont unauffällig wirkender Mann aufgefallen, der ihm wie zufällig mal beim Einkaufen, mal in der Regionalbahn oder auf dem Schiff begegnete, und der ab und zu unter den Arkaden stand und Zeitung las, als wartete er nur darauf, dass Roland sein Büro verließ.
Ich werde überwacht, sorgte sich Kundl. Zwar hielt er diese Art der Beschattung für wenig professionell, schließlich stellte er sich vor, dass eine perfekte Überwachung vom Beschatteten nicht bemerkt wurde, aber seine langjährige Erfahrung hatte ihn gelehrt, wie stümperhaft die Behörden oftmals vorgingen. Daher war er sicher, die Zoll- oder Steuerfahndung am Hals zu haben. Wollte er heil davonkommen, halfen wohl nur eine Selbstanzeige und die Bereitschaft, als Kronzeuge auszusagen.
Die Nachmittagssonne tauchte den Hafen in mildes Licht, passend zu der lockeren Stimmung nach einem gedrückten Frühjahr, das von dieser unheimlichen Pandemie geprägt gewesen war. Nun genossen die Menschen ihre Freiheiten, und auch wenn man mit gewissen Einschränkungen leben musste, versprach dieser Sommer Lebensfreude und Frohsinn. Kundl wollte dieses wiedergewonnene Lebensgefühl genießen und sich von seinen Sorgen befreien. Später wollte er sich daher mit seinem Freund und Anwalt treffen, um über Art und Weise der Selbstanzeige zu beraten.
Der Löwe an der Hafeneinfahrt strahlte in einem leichten Honigschimmer. Kundl liebte diesen Anblick. Er achtete kaum auf den Mann, der sich mit einem knappen Kopfnicken neben ihn setzte. Vermutlich ein überängstlicher Zeitgenosse, denn er trug als einer der wenigen im Freien eine FFP2-Maske und weiße Handschuhe, stellte Kundl fest und erfreute sich weiter am Anbl