: Uwe Fleckner
: Pablo Picasso gegen den Tod
: Hatje Cantz Verlag
: 9783775756570
: Hatje Cantz Text
: 1
: CHF 21.70
:
: Kunstgeschichte
: German
: 148
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Uwe Fleckner nähert sich dem »politischen« Picasso aus unterschiedlichen Richtungen: Von der Beschlagnahme seines fru?hen Gemäldes Die eingeschlafene Trinkerin durch die Nationalsozialisten bis zur Ikonisierung von Guernica durch die zeitgenössische Kunst und die aktuelle Protestkultur. Fleckner interpretiert das Jahrhundertwerk als Antwort des Ku?nstlers auf franquistische Propagandalu?gen, analysiert Picassos Theaterstu?ck Wie man Wu?nsche am Schwanz packt als Reaktion auf die deutsche Besatzung von Paris und beleuchtet die wichtige Retrospektive im Haus der Kunst in Mu?nchen 1955. Mit dieser Ausstellung sollte internationale Kunst in das ehemals nationalsozialistische Ausstellungshaus einziehen: Werke wie Guernica oder das Massaker in Korea provozierten ein neues Betrachterverhalten und trugen so zum Demokratisierungsprozess der deutschen Bevölkerung bei.

Müde der biologischen IdentitätCarl Einstein, André Masson, Pablo Picasso und die Revolte gegen den Tod


Seit Ende der zwanziger Jahre konnten seine Leser in den verschiedenen Schriften Carl Einsteins gebannt verfolgen, wie der Autor um eine psychische Neubestimmung künstlerischer Prozesse und Bildfindungen auf anthropologischer Grundlage rang. Der deutsche Kunsthistoriker, 1928 nach Paris umgesiedelt, um hier in den intellektuellen Zirkeln der Metropole seine ZeitschriftDocuments zu realisieren, wies dabei mehrfach auf das seiner Ansicht nach allzu statische Verständnis des Unbewussten bei Sigmund Freud hin. Er hatte erkannt, dass dieser sein therapeutisches Verfahren auf die mehr oder weniger zweifelsfreie Deutbarkeit verdrängter Vorgänge hin angelegt hatte. Einstein betonte demgegenüber die andauernde Umbildung neuer Eindrücke durch das Unbewusste, die in diesem angelegte Möglichkeit zu ständig voranschreitender, letztlich von ihm durchaus auch politisch verstandener Veränderung. Ziel seiner Argumentation war es, das Geheimnis künstlerischer Produktion nicht zu entzaubern, dem er selbst als Autor experimenteller Prosa unterworfen war. Eine ästhetische Haltung kam hier zur Sprache, geschult an den Gegenständen der außereuropäischen Kunst, mit der er seine ursprünglichen kubistischen Überzeugungen in eben dem Maße deutlich überschritt, in dem auch die nachkubistischen Werke von Picasso und Braque surrealistische Gestaltungsstrategien in sich aufgenommen hatten: »Diese starke Aktivierung des Unbewussten im Schauen und Erschaffen der Gestalten scheint uns gerade die Unerklärbarkeit der Kunstwerke zu bewirken, denn letzten Endes bleibt die Vision eben rätselhaft.«1

In diesem Zusammenhang sprach der Autor andeutungsweise auch von solchen zeitgenössischen Kunstwerken, bei denen die Umsetzung halluzinativer Vorgänge regressiver Natur sei. Offenbar haben wir es hier mit einer Invektive gegen den orthodoxen Surrealismus zu tun, dem damit ein »caractère infantile« sowie ein Festhalten an den »traumas de la jeunesse« unterstellt werden sollten.2 Einstein erhoffte sich vom Surrealismus etwas völlig anderes als eine in seinen Augen bloß thematische Erweiterung der Kunst durch psychologische Themen, wie er sie etwa Salvador Dalí vorwarf.3 Seiner festen Überzeugung nach lagen die Möglichkeiten von Malerei und Skulptur vielmehr darin begründet, mit Hilfe bildnerischer Mittel den erkenntniskritischen Zugriff auf Welt und Weltbild von Grund auf zu verändern. Und so machte sich Einstein daran, seine ästhetischen Erkenntnisse und insbesondere die ethnologisch-anthropologischen Voraussetzungen seiner Kunstauffassung im Dialog mit den Werken von Hans Arp und Paul Klee, von André Masson, Joan Miró und Gaston-Louis Roux entscheidend zu erweitern; im Dialog mit den Werken jener Künstler also, die nicht – oder doch nicht für längere Zeit – dem orthodoxen Kreis um André Breton angehörten.4

Auf den Spuren eines psychischen Archaismus


Dem für ihn wohl wichtigsten Kün