Kapitel 1
Das Geschenkpaket
An manchen Tagen war ich mir absolut sicher, dass mein Mann ohne mich vermutlich keine Woche überleben könnte. Oder auch nur ein paar Tage. Dabei meinte ich nicht etwa das Überleben in der Wildnis, sondern mitten in Europa. Genauer gesagt in der wunderschönen Dreiflüssestadt Passau in Bayern, in unserer Penthousewohnung mit herrlichem Blick auf die Donau und die Veste Oberhaus. Ein Stockwerk darunter lag das Büro der Maklerfirma, in der ich, zusammen mit unserer neuen Mitarbeiterin Bärbel, die wir erst vor ein paar Wochen eingestellt hatten, alsFrau für alle Fälle mitarbeitete. So nannten mich jedenfalls mein Mann und meine Schwieger-Über-Mutter Antje immer, die uns mit zuverlässiger Regelmäßigkeit alle paar Wochen aus Frankfurt besuchen kam. Dabei umspielte stets ein eigenartiges Lächeln ihre Mundwinkel, das ich bis heute nicht deuten konnte. Ein echtes Wohlbefinden hatte mir dieses Lächeln jedenfalls noch nie bereitet – genauso wenig wie ihre Anwesenheit.
Andreas stand nur neuneinhalb Wochen vor seinem vierzigsten Geburtstag und war damit fünf Jahre älter als ich. Ihm zuliebe hatte ich meine Arbeit als Krankenschwester kurz nach unseren Flitterwochen aufgegeben, da meine Schicht- und Wochenenddienste uns zu viel gemeinsame Freizeit gekostet hätten. Außerdem war er damit beschäftigt, sein Maklerbüro aufzubauen, und so hatten wir unsere kostbare gemeinsame Zeit stattdessen in die Firma gesteckt oder Häuser, Wohnungen und Grundstücke besichtigt, die wir ins Portfolio aufnehmen wollten. Vor allem aber hatten wir uns an den Wochenenden und Abenden auf allen möglichen Empfängen, Sommerfesten oder Kulturveranstaltungen sehen lassen, um Kontakte zu knüpfen und eine gewisse Klientel als Kunden zu gewinnen. Tatsächlich hatte sich unser Engagement gelohnt. Schon nach wenigen Jahren warImmobilien Andreas C. Buschmann in Passau zu einer der Top-Adressen geworden, wenn es darum ging, ein schickes Haus im Grünen, eine schnuckelige Wohnung in einem verwinkelten Gässchen in der idyllischen Altstadt oder Büro- und Produktionsräume im ganzen Umkreis zu vermitteln. Geschäftlich gesehen lief also alles bestens – und meistens auch in unserer Ehe. Abgesehen davon, dass Andreas völlig unfähig war, sich auch nur ein paar Würstchen zu braten oder das Salz im Geschirrspüler nachzufüllen. Er konnte auch keine Batterie im Feuermelder auswechseln oder gar die defekte Halterung für die Klopapierrollen reparieren. Um all diese Dinge musste ich mich neben der Büroarbeit kümmern. Offensichtlich war mir ein Handwerker-Gen in die Wiege gelegt worden, auch wenn ich noch nicht herausgefunden hatte, bei welchem meiner Vorfahren ich mich dafür bedanken konnte.
Darüber hinaus tendierte Andreas leider auch zu einer gewissen Vergesslichkeit, die ich früher liebevoll als charmante Schusseligkeit bezeichnet hatte. So verknallt, wie ich anfangs in den coolen Sonnyboy war, hatte ich all die kleinen Macken gern in Kauf genommen. Nun, nach elf gemeinsamen Ehejahren, versuchte ich, mir nicht anmerken zu lassen, dass es mich inzwischen eher nervte, das Mädchen für alles –Pardon –die Frau für alle Fälle zu sein und ihn ständig an alles erinnern oder es ihm hinterhertragen zu müssen. So wie das Geschenkset mit edlen Rotweinen und Bio-Knabbereien, das wir all unseren Klienten nach erfolgreichem Abschluss