: Sarah Hardy
: Der erste Frühling danach Roman
: Heyne Verlag
: 9783641313524
: 1
: CHF 3.60
:
: Erzählende Literatur
: German
: 416
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Selbst in den dunkelsten Zeiten kann Hoffnung wachsen.

England 1946: In dem Küstendorf Oakbourne sind die Männer aus dem Krieg zurückgekehrt. Ihre Körper heilen zwar, aber die seelischen Wunden sitzen tief. Und auch die daheimgebliebenen Frauen sind gezeichnet. Eine von ihnen ist Alice Rayne. Ihr sanftmütiger Ehemann Stephen, Erbe des verfallenden Herrenhauses Oakbourne Hall, ist als Fremder heimgekehrt; verbittert durch das, was er gesehen und getan hat. Als der Winter in den ersten Friedensfrühling übergeht und Alice den verwunschenen Garten des Anwesens zu neuem Leben erweckt, beginnt sie, um ihre Ehe zu kämpfen.

Sarah Hardy ist seit über zehn Jahren an der Küste von Suffolk zu Hause, wo auch ihr Debütroman spielt. Davor lebte sie in London, Dublin und auf den Hebriden. Als Journalistin hat sie fürVogue, The Daily Telegraphund andere nationale Zeitschriften und Zeitungen gearbeitet.

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Lieber Gott, mach, dass mich niemand sieht, dachte Alice, als sie mit tauben Beinen über die Kiesel stapfte. Sie schnappte sich ihre Kleidung, versuchte sich damit halbwegs abzutrocknen und stolperte dann zu dem eingedeichten Weg hinüber, der zu der Abkürzung durch das Moor und über die Felder mit den Winterrüben führte.

In den Hecken klammerten sich die ersten Blüten an die kahlen, stacheligen Zweige. Obwohl sie sich verzweifelt nach Wärme sehnte, war sie versucht, kurz zu verweilen. Alles, bloß nicht nach Hause gehen.

Aber sie war schon seit mehr als drei Stunden fort. Sie konnte es nicht länger hinauszögern, also bog sie in den Weg zurück nach Oakbourne Hall ein. »Ich mache nur einen kurzen Spaziergang«, hatte sie zu ihrem Mann gesagt, als sie aufgebrochen war. »Kommst du mit?« Er antwortete nicht. Das hatte sie auch nicht erwartet.

Sie verlangsamte ihren Schritt und schaute auf. Sie konnte die Gänse hören, bevor sie sie sah. Dann füllten Hunderte und Aberhunderte von stahlgrauen Vögeln den Himmel, zogen in V-Formation Richtung Norden – das deutlichste Zeichen dafür, dass der Winter vorbei war. Für einen kurzen Augenblick hob sich ihre Stimmung: Es würde nach sieben Jahren der erste Frühling in Friedenszeiten sein.

Die ganze Woche über hatte sie schon zauberhafte Hinweise wahrgenommen: goldene Winterlinge rund um die verlassenen Nissenhütten, Narzissen, die durch das ungemähte Gras stießen, ein Zaunkönig, der sein Nest in dem Efeu rund um ihr Schlafzimmerfenster gebaut hatte. Sie verfügte über ein riesiges Schlafzimmer, rief sie sich mahnend in Erinnerung, während Millionen anderer Menschen nichts hatten. Bei der Zeitungslektüre kam es ihr so vor, als sei die gesamte Landmasse Europas noch immer in Bewegung, Kilometer um Kilometer erschöpfter Männer und Frauen, die ihre Sprösslinge im Arm trugen, Kinderwagen und voll beladene Karren vor sich herschoben, auf der Flucht vor Schrecken, die man sich nicht ausmalen konnte.

Sie jedoch genoss das Privileg, in einem Gebäude zu wohnen, das in der Gegend als das Big House bekannt war. Es spielte keine Rolle, dass das Kriegsministerium es für ein Bataillon kanadischer Soldaten beschlagnahmt hatte und das Gebäude stark mitgenommen war. »Manche Leute haben einfach immer Glück«, hatte sie die Frau des Metzgers in der Kirche sagen hören, als Stephen, Alice’ Mann, aus dem Krieg zurückkam, und zwar »in einem Stück«. Er war als Allerletzter aus dem Dorf zurückgekehrt. Woher er kam, wollte er nicht sagen. Geschweige denn, was er getan hatte. Aber er war am Leben.

Und du bist auch am Leben, dachte Alice und hielt den Rücken gerade, während sie an den Stümpfen jahrhundertealter Kastanienbäume vorbeiging, die zu Beginn des Krieges gefällt worden waren, um … was? Waffen herzustellen? Särge zu zimmern? Aber solche Überlegungen waren sinnlos.

Jetzt konnte man neue Bäume pflanzen. Die Welt war befriedet.

Wir haben g