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»Jede Jagd fängt mit einem Objekt an, das verschollen ist … oder gestohlen wurde.«
Arthur Crockleford
Freya
Mit den Fingerspitzen fuhr ich über einen Schrapnellschaden in der Fassade des Londoner Victoria and Albert Museum. Diese Fassade hatte einiges miterlebt und alles überstanden, was auf sie eingeprasselt war. Kein Krieg und kein Orkan hatte ihr etwas anhaben können. Ich wünschte mir, auch ich wäre so widerstandsfähig.
Früh am Morgen, rechtzeitig bevor der Makler kommen sollte, hatte ich das Haus verlassen und mich mit einem Bus nach dem anderen durch den öffentlichen Nahverkehr bis South Kensington durchgeschlagen. In einem Café in der Nähe hatte ich gewartet, bis das Museum öffnete. Das V&A war immer schon der Ort, an dem ich Zuflucht suchte, mein sicherer Hafen.
Ein freundlicher Mann schloss die Eingangstüren auf. Ich war unter den Ersten, die da waren – die Touristen schaufelten wahrscheinlich noch ihr Büfettfrühstück in sich hinein.
Das Erste, was ich wahrnahm, war der vertraute Geruch von Politur, dann das Echo meiner Stiefel über den Fliesen in der riesigen Eingangshalle. Erstmals an diesem Tag musste ich lächeln. Dies hier reichte fast aus, um zu vergessen, dass heute ein »Zu verkaufen«-Schild an mein Gartentor genagelt werden sollte.
Seit James, mein Ex-Mann, vor knapp neun Jahren ausgezogen war, drängte er darauf, dass wir das Haus verkauften; anscheinend war ein großes viktorianisches Wohnhaus in einem der besseren Vororte an eine wie mich verschwendet. Immerhin hatte er sich irgendwann darauf eingelassen, dass ich bleiben dürfte, bis Jade, unsere Tochter, volljährig wäre. Doch inzwischen war sie zum Studieren in dieUSA gegangen, und mir waren die Hände gebunden: Ohne das Kindergeld – und nun war Jade kein Kind mehr – konnte ich mir den Unterhalt des Hauses nicht mehr leisten.
Den Durchgang zu den British Galleries kannte ich im Schlaf. Ich schlenderte am Großen Bett von Ware vorbei, jenem riesigen Bett, in dem ganze zwei Familien Platz hatten und das derart berühmt war, dass Shakespeare es inWas ihr wollt erwähnt hatte. Ein Stück weiter zur Rechten stand ein Bücherschrank, wie ihn schon Samuel Pepys besessen hatte. Ich nahm die Steintreppe hoch in den dritten Stock zu den Chippendale-Möbeln. Vor gut zwanzig Jahren hatte ich der Antiquitätenwelt den Rücken gekehrt, doch ein meisterhaft gefertigter Stuhl oder ein schöner, vergoldeter Spiegel war für mich immer noch eine Augenweide.
Ich kannte jedes Ausstellungsstück in der Chippendale-Abteilung in- und auswendig, doch irgendetwas am Garrick-Bett (benannt nach dem seinerzeit berühmten Schauspieler David Garrick) wirkte anders als sonst. Ich lehnte mich so weit vor, wie ich mich traute, und beäugte jeden Zentimeter des gemusterten Stoffs. Einen Augenblick später hatte ich es entdeckt – eine leichte Vertiefung in der Bettdecke. Da hatte ein Besucher wohl testen wollen, wie weich die Matratze war, und einen Abdruck hinterlassen.
Verdrossen sah ich mich nach jemandem vom Aufsichtspersonal um.
Im selben Moment klingelte mein Handy los – Tante Caroles Klingelton. Bevor Jade nach L. A. abgereist war, hatte sie diese Klimpermelodie eingestellt, und ich war noch nicht dazu gekommen, sie auszutauschen. Ich angelte das Handy aus der Tasche und schaltete es stumm. So gern ich die Stimme meiner Tante gehört hätte – jetzt gerade passte es nicht. Ich ließ den Blick durch de