Kapitel 1
Tara
Packlisten zu schreiben war mir nie sonderlich schwergefallen.
Doch jetzt stand ich hier vor meinem Koffer, der fast größer war als ich, und starrte auf die leeren Packhilfen. Ich wusste nicht, was auf mich zukommen würde. Genauso wenig wusste ich, wie viele Tage ich weg sein würde.
»Du ziehst das echt durch, ja?«, drang Milas Stimme aus dem Handy, das ich auf den Schreibtisch gelegt hatte. Direkt neben meinen Kalender, in dem ich mit babyblauem Textmarker das WortKANADA hervorgehoben hatte.
»Ich glaube schon«, nuschelte ich und zählte die neun Packhilfen – die einen organisierten und ordentlichen Koffer versprachen – ein weiteres Mal ab. Ich glaubte nicht, dass die Berge an Klamotten, die daneben auf sortierten Stapeln lagen, wirklich hineinpassen würden. Ich wusste, dass es neun waren, weil ich die Kategorien für meine Klamotten selbst durchdacht und danach die dunkelgrünen Beutel aus dem Keller geholt hatte.
»Deine Stimme sagt auf jeden FallIch steige morgen in ein Flugzeug, um für unbestimmte Zeit in Kanada zu bleiben, und der Gedanke macht mir überhaupt keine Angst.« Ich konnte das Kopfschütteln meiner besten Freundin dank ihrer sarkastischen Stimme vor mir sehen, auch wenn wir nur telefonierten.
»Ich bin ja gar nicht für unbestimmte Zeit weg«, versuchte ich mich selbst vom Gegenteil zu überzeugen. »Spätestens für das nächste Sommersemester muss ich zurück sein.« Was immer noch knapp sieben Monate waren, aber das sagte ich nicht laut. Ich hörte die Haustür im Erdgeschoss, und mit einem Mal spürte ich den Herzschlag viel stärker in meiner Brust hämmern.
»Hast du schon ein Rückflugticket gebucht? So mit festem Datum und allem?«
»Nein.« Ich schüttelte den Kopf und ließ mich resigniert auf den hellen Teppich in der Mitte meines Zimmers fallen. Mila schwieg und rieb mir nicht noch mal unter die Nase, dass sie natürlich recht hatte. Ich würde erst mal auf unbestimmte Zeit in Kanada sein.
Ein Klopfen an der Tür, doch ich schaute nur weiter auf den leeren Koffer. Für jeden anderen Trip hätte ich schon gestern Mittag fertig gepackt.
»Komm rein.«
»Noch nicht fertig mit packen?« Mein Bruder schaute mich mit weit aufgerissenen Augen an.
»Ist das Matty?«, fragte Mila überflüssigerweise.
»Nein, nur ihr unglaublich gut aussehender Freund, von dem sie dir noch nichts erzählt hat«, konterte er mit einem breiten Grinsen.
»Erzähl keinen Quatsch. Ich weiß alles aus Taras Leben. Sogar die Dinge, die sie selbst nicht weiß. Wie zum Beispiel die Tatsache, dass Unterhosen für zwei Wochen völlig ausreichen und sie dann eben eine Waschmaschine zwischen Bergen und Bären finden muss.«
»Warum habe ich das Gefühl, in ein Gespräch hineingeplatzt zu sein, an dem ich überhaupt nicht teilhaben will?« Matty lachte auf, doch ich verdrehte nur genervt die Augen.
»Nanaimo ist überhaupt nicht so sehr in der Wildnis, wie das jetzt aus deinem Mund klingt.« Ich verschränkte die Arme vor der Brust. Nanaimo war die zweitgrößte Stadt auf Vancouver Island. Da musste es eine Menge Waschmaschinen geben. Oder?
»Und warum heißt es dannWildlife Rescue Center? WoWildlife ist, muss ja wohl auchWild sein?« Mila kicherte über ihren eigenen Witz, aber mir war ganz und gar nicht zum Lachen zumute.
»Warum machst du dir eigentlich so sehr in die Hosen?« Mein Bruder setzte sich neben mich auf den Teppich »Du bist quasi in den Bergen groß geworden, was ist da schon ein bisschen kanadische Natur?« Ich lächelte und erinnerte