: Martin Krauß
: Dabei sein wäre alles Wie Athletinnen und Athleten bis heute gegen Ausgrenzung kämpfen. Eine neue Geschichte des Sports - Mit zahlreichen Abbildungen
: C.Bertelsmann Verlag
: 9783641292683
: 1
: CHF 8.90
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: Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
: German
: 448
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Eine neue Geschichte des Sports – aus der Sicht all derjenigen, die bis heute ausgegrenzt werden

Was wir heute Sport nennen, wurde Ende des 19. Jahrhunderts von einer weißen männlichen Elite erfunden: Gentlemen gründeten Clubs und Ligen, Leistungen wurden in Zentimeter oder Sekunden gemessen. Die Olympischen Spiele feierten das Motto »Dabei sein ist alles« und schlossen doch viele Gruppen aus. Sie mussten in den vergangenen hundert Jahren um ihr Mitmachen hart kämpfen, zum Teil müssen sie es bis heute: Frauen, Schwarze Menschen und andere People of Color, Juden oder Muslime, Menschen mit Behinderung oder Queere. Martin Krauss erzählt die Geschichte des Sports aus ihrer Perspektive: etwa vom ersten afrikanischen Boxweltmeister Battling Siki; von Alfonsina Strada, der einzigen Frau, die jemals den Giro d’Italia mitfuhren durfte; oder vom Kampf der Südafrikanerin Caster Semenya, der intersexuellen Olympiasiegerin, gegen ihre Diskriminierung 2023. Ein ebenso augenöffnendes wie aufrüttelndes Buch, das unser Bild vom Sport nachhaltig verändern wird.

Martin Krauss, geboren 1964 in Koblenz, war Leistungsschwimmer und Schwimmtrainer. Er studierte Politikwissenschaft in Berlin. Seit 1990 arbeitet er als Journalist, unter anderem bei der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, der »taz« und der »Jüdischen Allgemeinen«. Er schreibt Artikel und Bücher über Fußball, Schwimmsport, Boxen und Doping, zuletzt erschien eine Geschichte des Bergsteigens. Martin Krauss lebt in Berlin.

KAPITEL 2
Metzger und Brauweiber, aber kaum Adlige


Mit der Französischen Revolution und der Glorious Revolution in England begann die Demokratie – und der Sport. Damals waren Wettkämpfe noch für viele Menschen offen.


Ein großartiges Fest war das, was am 28. Juli 1796 auf dem Pariser Marsfeld stattfand, nach dem damaligen Revolutionskalender am 11. Thermidor. An die 300000 Menschen sahen Pferderennen, Laufwettbewerbe und Ringkämpfe. Die Menge soll so begeistert gewesen sein, dass sie das Marsfeld stürmte. Der Sieger des Pferderennens, ein Mann namens Vilate-Carbonel auf Le Veneur, erhielt als Preis ein neues Pferd, und der schnellste Läufer bekam einen Säbel.

Die großen bürgerlichen Revolutionen in England, in Amerika und keineswegs zuletzt in Frankreich hatten auch die ersten Formen von Sport hervorgebracht. Aus den schon im europäischen Mittelalter beliebten Wettläufen, Rauffesten und von Dorf gegen Dorf gespielten Fußballjagden entstanden Wettkämpfe, die im besten demokratischen Sinne für alle – jedenfalls für fast alle – offen waren.

Solche Revolutionsfeste gab es oft, in Paris meist im Stadion auf dem Marsfeld, in etwa an der Stelle, wo heute der Eiffelturm steht. Dabei handelte es sich nicht um ein Stadion, wie wir es heute kennen. Die Laufbahn war etwa 300 Meter lang und führte von der École militaire bis zum Fuße eines Hügels in der Stadionmitte. Für die Pferderennen gab es eine ovale Strecke um den Hügel herum, etwa 1800 Meter lang. Die auf den großen nationalen Sportfesten im Jahr 1798 und 1800 erbrachten Leistungen berechnete der berühmte Astronom Alexis Bouvard. Die Laufstrecke 1798 betrug 251,5 Meter, der Finalsieger Michel Villemereux, ein Unteroffizier, schaffte sie in 32,7 Sekunden. Auch fürs Pferderennen und fürs Wagenrennen wurden Strecke und Zeit berechnet. Doch war die Laufbahn eben? Wurde mit Schuhen gelaufen? Mit welcher Kleidung? Wie wurde gestartet? All das wissen wir nicht. Was wir immerhin wissen, ist, dass bei dem Wettkampf 1798 in jedem der zehn Vorläufe 15 Läufer am Start waren, von denen es jeweils die besten drei ins Finale schafften. Dort konkurrierten also vermutlich 30 Läufer um den Sieg.

Ganz neu waren metrische Messungen zu dem Zeitpunkt nicht mehr. Im englischen Pferdesport wurden bereits 1721 mithilfe von Stoppuhren Rennzeiten in Sekunden gemessen. Schon ab 1757 wurden in England Zeiten auf eine halbe Sekunde genau registriert. Ähnliches galt für Wettläufe: 1733 wurde bei einem solchen Lauf in England die Zeit in Sekunden gemessen. Diese Wettbewerbe waren im Übrigen offen, heute würde man divers sagen. Unter anderem gibt es Berichte über Wettläufe von Brauweibern, sogenannten Krüppeln und besonders dicken Menschen.

Auch in Frankreich gab es weitere Festivals. Ihr Erfolg lag sowohl am demokratischen Zugang – wer wollte, durfte mitmachen – als auch an der Qualität der Wettkämpfe selbst. 1797 wurde erstmals ein großer Ringerwettkampf ausgetragen: 16 Männer nahmen daran teil. Die Sieger aus den ersten acht Kämpfen traten anschließend gegeneinander an, dann wiederum die vier Sieger und zuletzt die übrig gebliebenen zwei: Am Ende gewann Charles-Pierre Oriot, ein 33-jähriger Metzger aus Paris, der den 34-jährigen Hutmacher Digot bezwingen konnte.

Für Begeisterung sorgten zudem Konzerte, Feuerwerke und auch Heißluftballone, die etwa 1000 Meter hochstiegen und von denen Menschen mit einem Fallschirm absprangen. All das waren recht neue Spektakel: Die erste Ballonfahrt der Gebrüder Montgolfier fand 1783 statt, den ersten Fallschirmsprung aus einem Ballonkorb wagte André-Jacques Garner 1797, und seine Ehefrau Jeanne-Geneviève Labrosse war 1799 die weltweit erste Fallschirmspringerin.

Doch zurück zum eingangs erwähnten großen Fest am 28. Juli 1796. Solche Feste seien einer Revolution nicht würdig, mäkelte der Schriftsteller Marie-Joseph Chénier. Er