Joe
Die Wölfe beherrschen Berlin.
Dafür bräuchte Joe keinen weiteren Beweis.
Gerade sind die mutierten Bestien sogar vor dem Brandenburger Tor zu sehen, wie sie schwer bewaffnete Menschen und spinnenbeinige Bots attackieren. Zwar nur in einem Video auf drei riesigen Bühnen-Bildschirmen, aber trotzdem.
Es ist heftig.
Massige Schemen aus Fell und Metall. Zurückgezogene Lefzen. Gelb leuchtende Augen. Lautes Knurren. Ratternde Gewehre und Geschütztürme. Sprühende Funken. Zorniges Heulen. Brutales Reißen. Spritzendes Blut. Dichter Rauch. Verzweifelte, abrupt endende Schreie.
Heftig, wie gesagt.
Trotzdem ignoriert Joe das Video über den Angriff der Cyborg-Wölfe, das schon vor Monaten in der Sperrzone nahe der deutsch-polnischen Grenze aufgenommen wurde, in den Anfangstagen des Konflikts. Wahrscheinlich haben die Wolfsgegner das Bühnensystem der ProW@lf-Demo gehackt, um die Aufnahmen der Auswüchse dieser Symbiose von tierischem Instinkt und künstlicher Intelligenz abspielen zu können – und vermutlich gehen beide Parteien deswegen noch hasserfüllter aufeinander los.
Wie bei einem Derby.
Maximale Rudelbildung.
Die Berliner Polizei hat längst alle Kontrolle über das Geschehen verloren, da helfen auch die fliegenden Kameradrohnen nichts, die emsig Gesichter scannen, Personaldaten auslesen.
Joe, der mit seiner Kombination aus weißem Hemd, grauem Anzug und schwarzer Krawatte sowieso aus der bunten Menge heraussticht, hat dabei nur Augen für seine Beute. Gerade schiebt er eine Aktivistin im geblümten Sommerkleid und mit einer Cartoon-Wolf-Pappmaske zur Seite, nur um im nächsten Moment einen Typen mit Muskelshirt und Bandana vor Mund und Nase abzuwehren, der Joe an den Kragen will. Das Gerangel genügt beinahe, damit Joes Zielperson im allgemeinen Chaos verschwinden kann. Zum Glück fällt auch die modisch auf, dank eines ärmellosen roten Hoodies.
Als würde man Rotkäppchen verfolgen.
Eigentlich wäre die Idee, Joe nach der Hatz durch den Tiergarten im Gewimmel der Demo abzuhängen, gar nicht mal schlecht gewesen. Aber so, mit der Kapuze vor Augen, bleibt Joe dran, und schließlich schlägt er zu, als der Verfolgte von einem Knäuel aus gewaltbereiten Demonstrierenden und gepanzerten Polizeieinsatzkräften aufgehalten wird.
Ein harter, in der Menge kaum wahrzunehmender Magenschwinger, und die Jagd ist vorbei. Joe packt den sich krümmenden Marius, einen überraschend laufstarken Tech-Hehler um die dreißig, und zerrt ihn am Hoodie mit sich zum Rand des Pulks.
»Braucht ihr Hilfe?«, fragt eine bereitstehende Sanitäterin.
»Ich kümmer’ mich um ihn«, wiegelt Joe ab. »Helft lieber dem da.«
Mit dem Kinn deutet er auf einen weinenden, blutüberströmten Demonstranten, der direkt neb