Kapitel 1
»Was meinst du, brauchen wir mehr Licht, oder passt das so?«
Ich schaue mit zusammengekniffenen Augen auf den Teller mit der frisch gebackenen Focaccia, der vor mir auf dem Tisch steht. Die frühe Morgensonne scheint durchs Fenster und taucht den hellen Teig von der rechten Seite in goldenes Licht. Die Deckenlampe unsererWG-Küche gibt ihr Bestes, den Rest auszuleuchten, aber ich bin so müde, dass ich meinen Augen nicht mehr wirklich traue.
»Mach dir keine Sorgen«, antwortet Elif nach einem kritischen Blick auf mein Set-up. »Dieser Teig ist das Schönste, was ich seit Langem gesehen habe. Er ist umwerfend. Sexy. Er könnte mich um ein Date bitten und ich würde sofort Ja sagen.«
»Lass das nur nicht Marek hören.«
»Der würde das verstehen. Er ist der Erste, der für gutes Essen seine Seele verkaufen würde.« Sie nimmt einen weiteren großen Schluck Kaffee, bevor sie sich wieder ihrem Laptop zuwendet.
Ich schmunzele. »Wie viele Tassen hattest du heute Nacht schon?«
»Bei fünf habe ich aufgehört zu zählen.«
Als sie meinen missbilligenden Gesichtsausdruck sieht, deutet sie mit ihrem Kugelschreiber auf mich. »Für dieses Level an Teilchenphysik brauche ich Koffein. Außerdem bist du die Letzte, die mich dafür verurteilen kann, Isabella Köring. Soweit ich weiß, ist das hier auch deine dritte Nachtschicht diese Woche. Deine Augenringe haben bereits Augenringe.«
Dem kann ich nicht widersprechen. Also wende ich mich wieder meiner Focaccia zu. Nachdem ich den Teller ein letztes Mal um wenige Millimeter gedreht habe, positioniere ich mein Handy auf den kleinen Tripod, den Elif mir letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt hat, und setze mich an den Tisch. Über das weiße T-Shirt, das ich bei der Arbeit tragen muss, habe ich meinen dunkelroten Lieblingspullover gezogen. Die Arbeitshose habe ich angelassen, aber weil man mich sowieso nur bis zum Bauchnabel sieht, spielt das keine Rolle. Nach einem kritischen Blick auf den Bildschirm drehe ich meine Haare in einen Dutt und trage noch eine Schicht Concealer unter meinen Augen auf. Dann drücke ich auf Aufnahme.
»So sieht das Ganze dann aus, wenn es aus dem Ofen kommt. Ein fluffiges Brot, das sich perfekt als Beilage zum Grillen oder für ein Picknick eignet. Oder als Snack zwischendurch.« Sobald die Kamera läuft, scheint alle Müdigkeit von mir abzufallen. Der Gedanke, dass es da draußen mittlerweile über 31 000 Menschen gibt, die meine Rezepte lieben und sie regelmäßig nachkochen, gibt mir immer wieder neue Energie.
»Wenn ihr die Focaccia statt mit Butter mit Margarine bestreicht, ist sie vegan. An einer guten glutenfreien Variante arbeite ich noch. Wenn ihr das Mehl einfach nur austauscht, wird eure Focaccia nicht fluffig, aber ich bin dran. Und was die Dekoration angeht, könnt ihr eurer Fantasie freien Lauf lassen.«
Das Brot vor mir habe ich mit gelben und roten Tomaten, Zwiebelringen und Thymi