Kapitel eins
London, heute
Du musst jetzt ganz ruhig bleiben, Allie«, beschwört mich Winnie und schnauft dabei so heftig in den Hörer, dass sie genau das Gegenteil bewirkt.
»Was ist los?«, frage ich, und mein Blick wandert zu der Dame, die gerade die Rezeption ansteuert. Mich ansteuert. Und sicher im nächsten Moment eine Beschwerde über den mangelhaften Zimmerservice vorbringen will (wir können da wirklich noch Boden wettmachen, Giles hat deshalb schon mehrere Schulungen abhalten lassen, mit schmissigen Namen wie »Effektiv auf der Etage«).
»Versprichst du mir, nicht durchzudrehen?« Winnie hat sichtlich Mühe, selbst ruhig zu bleiben.
»JetztSAG schon!«, rufe ich fast durch den Hörer und ernte einen missbilligenden Blick von der Dame.
Winnie atmet tief durch. »Pat. Dein Dad. Er hatte einen Herzinfarkt.«
»Dad? Aber er … er lebt doch noch? Lebt er noch, Winnie?«
Meine Knie geben nach, und ich muss mich gegen das Rezeptionspult lehnen, um nicht zu Boden zu gehen.
»Ja, er lebt noch. Er ist notoperiert worden und liegt jetzt im Krankenhaus in Galway.«
»Er lebt noch«, sage ich mit zittriger Stimme und klammere mich an diese Worte.Dad lebt.
»Ja, aber es war verdammt knapp«, sagt Winnie tonlos. »Wenn Niall ihn nicht so schnell gefunden hätte …«
»Wo hat er ihn gefunden? Zu Hause?«
»Nein, auf der Toilette im Gemeindezentrum.«
»Auf der Toilette im Gemeindezentrum?«
»Nun ja, wir hatten gerade eine Sitzung. Wegen des Festivals …« Winnies Stimme verliert sich.
»Und dabei hatte er einenHerzinfarkt?«, frage ich ungläubig und werde augenblicklich wütend. Dieses vermaledeite Festival.
»Jap. Es ging ziemlich heiß her, Kelly und Mum waren mal wieder richtig in Fahrt, und du weißt, wie dein Dad ist … hat nicht viel gesagt, vermutlich alles in sich reingefressen …« Winnie klingt bekümmert. »Und dann wollten wir zuerst Jake anrufen …«
»Wer ist Jake?«
Sie ignoriert meine Frage. »Aber dann hat Kelly gemeint, dass wir besser gleich die Rettung holen, und das war goldrichtig. Wir waren gerade noch rechtzeitig dran. Ein paar Minuten später, und er wäre hopsgegangen, hat Dermot gesagt.«
»Wer ist denn jetzt schon wieder Dermot?«, frage ich kraftlos, obwohl es eigentlich gar keine Rolle spielt. Ich befinde mich gerade in einem luftleeren Raum, einem Vakuum, aus dem ich nicht raus kann. Es fühlt sich komplett surreal an