Ulrica
Die Schiffsbrücke in Landskrona badete in der heiß ersehnten Julisonne. Ulrica zog ihr T-Shirt, das schon am Rücken klebte, wieder nach unten und reihte sich in die Schlange ein, die sich gemächlich auf die Fähre M/S Uraniborg zubewegte. Sie drehte sich um und sah Angelika noch auf dem Parkplatz stehen, wie sie an ihrem Wagen lehnte und das Gesicht in die Sonne hielt. Ihr hatte sie es zu verdanken, dass sie jetzt ganz allein zwei Wochen Urlaub machte. Sie hatte ihr gut zugeredet. Und nun hatte sie auch noch den Chauffeur gespielt und sie von Helsingborg zur Fähre gebracht.
»Ich kann dir jetzt schon sagen, kurz vor der Abfahrt wirst du kalte Füße kriegen. Versuch einfach, die Gedanken abzuschalten. Fahr einfach los. Vielleicht ist dieser Urlaub das Wichtigste, was du je gemacht hast!«, hatte sie im Auto zu ihr gesagt.
Niemand kannte Ulrica so gut wie Angelika, und auch dieses Mal hatte ihre Freundin richtiggelegen. In diesem Augenblick hätte Ulrica am liebsten auf der Stelle kehrtgemacht und wäre zurück nach Hause gefahren.
Sie seufzte und zog ihr Handy, auf dem die Fahrkarte gespeichert war, heraus. Der Fahrkartenkontrolleur wechselte mit jedem Passagier ein freundliches Wort, doch Ulrica nahm gar nicht wahr, was er sagte, als sie an der Reihe war. Sie hielt ihm das Ticket hin, zwang sich, nett zu lächeln, und ging weiter in Richtung Fahrzeugdeck. Den Trolley fest in der Hand, quälte sie sich die enge, steile Treppe hinauf, am Salon vorbei und weiter hoch aufs Sonnendeck.
Unten auf dem Parkplatz wedelte Angelika wild mit beiden Armen. Ulrica winkte zurück und suchte sich einen Platz, von dem sie das Festland im Rücken hatte und ihr Blick nach vorn ging, auf die Insel Ven. Nicht zurückschauen, dachte sie. Einfach losfahren.
Sie schloss die Augen und wünschte sich, genau so eine ausgelassene Vorfreude wie die anderen Touristen zu verspüren. Doch vor ihr lag ja auch kein normaler Urlaub. Ven bedeutete für sie nur vermintes Gelände. Ein Ort, der eng mit der Kindheit ihrer Mutter Alva verbunden war, über den aber nie gesprochen wurde. Kein einziges Wort über die verbotene Insel.
Die Fähre begann zu schaukeln und legte ab. Ulrica ballte vor Anspannung die Fäuste auf dem Schoß. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Nun war sie auf dem Weg. Sie warf einen letzten Blick zum Parkplatz, wo Angelika gerade ausparkte. Obwohl Ulrica ihre Zweifel hatte, war Angelika vollkommen überzeugt davon, das Richtige zu tun.
»Du stehst jetzt am Scheideweg. Und was tut man da? Man stellt alles auf den Prüfstand. Wer bin ich, wer will ich sein, was habe ich noch vor mit dem Rest meines Lebens?«, das waren ihre Worte auf der Fahrt gewesen. »Jack – dein einziges Kind – ist jetzt erwachsen und aus dem Haus. Er ist 1500 km weit weg. Mit dem Bemuttern ist es jetzt vorbei, da ist keiner mehr, um den du dich kümmern musst. Du bist Single, wenn du mich fragst, schon viel zu lange, und du gehst auf die fünfundvierzig zu.«
»Willst du damit sagen, dass ich diese Reise machen soll, weil ich in einer Midlife-Crisis stecke? Ein bisschen früh für den Fünfzigsten, ein bisschen spät für den Vierzigsten?«, hatte Ulrica erwidert, den Kopf an die Nackenstütze gelehnt.
»Ich will sagen, dass du in einerakuten Lebenskrise steckst. Jahrelang hast du die Augen vor all den Themen verschlossen, die lauter Stolpersteine für dich sind und dich davon abhalten, einen neuen Weg einzuschlagen, aber jetzt h