Prolog
Wenn die Todesstunde kommt, sehen sie sich wieder. Um vier Uhr am Nachmittag bricht sie an und jedes Mal führt sie diese Zeit tief ins Gestern. In eine Vergangenheit, die immer wieder Gegenwart sein wird in ihren Leben und in diesem Land erst recht.
Grausam ist dieses Gestern, aber es wird auch groß in diesem Moment, am 8. September eines jeden Jahres. Groß im Bösen und im Guten. Denn dann stellen sie sich allem. Die Kinder der Erhängten fassen einander Mut, wenn sie sich vor jenem Verschlag in Berlin begegnen, in den ihre Väter zu ihren Galgen gehen mussten.
Es scheint so, als hielten sie dafür die Zeit an. Um sich ganz in diese Stunde hineinzufühlen. Als könnten ausgerechnet sie, die lange schon erwachsen sind, noch einmal an den Anfang ihrer Leben zurückkehren.
Jedes Jahr versuchen sie es, hier in der Gedenkstätte Plötzensee. Das geteilte Leid hilft ihnen dabei. Es bringt sie zusammen an diesem Tag und in diesem Jetzt. Ihr großes Gestern schmerzt sie noch einmal ganz eigentümlich in diesem Augenblick, aber bald schon beginnt es auch, sie zu umfangen und zu trösten.
Auch wenn sich die Wolken über ihnen zusammengetan haben an diesem 8. September 2022. Sie liegen tief über diesem Ort und halten ihn besetzt, als ob das immer so sein müsste und niemals anders war.
Wie war das damals wohl, als die Verurteilten in den Tod gehen mussten? Als sie selbst, die Kinder, viel zu früh zu trauern lernten? Als der Schmerz der vielen anderen Kinder noch so schnell und gut zu trösten war. Als es noch half, wenn die Großen die Tränen dieser Kleinen wegwischten, als wäre er ein Irrtum gewesen. Eine Art Versehen des Schicksals. Als wäre der Schmerz vergangen in Windeseile und wäre verschwunden in einem Lächeln. In ihnen aber, die sich hier treffen, ist er geblieben, bis heute. Er bestimmt ihre Leben.
Aber sie haben eben diesen Schmerz längst verwandelt.
Am 8. September 1944 haben ihnen die Nazis ihre Väter genommen, sie haben sie hier ermordet. Die Kinder der Toten, sie waren ab jetzt vaterseelenallein. Und blieben es in einem Winkel ihres Seins, selbst wenn sie noch so vielen Menschen in ihren Leben nahekamen.
Auch deswegen möchten sie bis heute nicht gern allein sein mit diesem Gestern. Und so vereint sie ihr Erinnern an diesem Jahrestag, es gibt ihnen Halt im schwächsten Moment. Im Jahr 2022 treffen sich nicht nur die Kinder der Toten, sondern auch ein paar ihrer Enkel, Neffen und Nichten, sie alle sind in diesem Kreis willkommen. Sie machen sich auf, um den letzten Weg ihrer Väter und Verwandten auf dieser Erde noch einmal nachzugehen, alle zusammen, bis zu dessen Ende.
Aus ganz Deutschland reisen sie dafür nach Berlin. Und wie immer haben sie sich kurz vor dem Zeitpunkt der Hinrichtung verabredet vor dem Verschlag, der von außen wie ein Stall anmutet. Wenn dann die Zeit des Sterbens wiederkehrt, um 16 Uhr, betreten sie ihn. Eine Stunde, die allem ein Ende bereiten sollte, so glaubten die Mörder. Aber diese Stunde dauert an in ihnen.
Diesmal scheint es zudem, als hätte sich der Himmel über der Stadt entschlossen, es ihnen gerade jetzt noch etwas schwerer zu machen. Er lässt die Menschen nun auch noch in seinem Regen stehen. Und er lässt sie frieren. Nicht, weil es schon so kalt wäre in diesem Spätsommer 2022, sondern weil die Trauer in ihnen zurückkehrt.
Dabei kommen die »Kinder« doch hierher, um sich gegenseitig zu ermutigen. Dass sie leben. Dass sie überlebt haben und damit auch etwas von ihren Liebsten. Und dass ihre Väter und Verwandten ihr Leben nicht vergeblich gelassen haben an diesem Ort. Dass etwas von ihnen überlebt hat für die Welt danach.
Wird es auch diesmal gelingen?
Wenn sie sich wiedersehen, umarmen sich die Menschen stumm oder grüßen sich ganz leise. Dann gehen sie zusammen erst einmal am sogenannten Hinrichtungsschuppen vorbei und betreten den Gedenkraum nebenan, der versucht, das, was geschah, zu dokumentieren. Für jeden »Vorgang« gibt es ein ordentliches deutsches Dokument, das dort ausgestellt ist.
Ich darf an diesem 8. September 2022 dabei sein, weil mich einige der »Kinder« eingeladen haben, sie zu begleiten. An diesem Tag und an vielen weiteren.
Ihre Väter und Verwandten waren zu diesem »Vorgang« bereit, weil sie Hitler ein Ende bereiten wollten. Und die Kinder, die ganz anders als ihre Vorfahren ein ganzes Leben gelebt haben, geraten aus der Zeit. In diesem Augenblick setzt sie aus, rast zurück, und die Erwachsenen sind wieder jung und verlassen und sehr traurig. Aber sie sind auch denen wieder nahe, die sie ihr Leben lang vermissten.
Der Preis, den sie dafür zahlen, ist ihre Traurigkeit, die an diesem Tag ausbricht wie damals. Doch auch die werden sie noch an diesem Tag überwinden, so wie damals. Als die Nazis die meisten von ihnen ihren Eltern entrissen, verschleppt und in Heime gesteckt hatten – auf dass sie ganz ohne Eltern aufwachsen. Das Ende des Krieges brachte sie aber wieder zusammen, wenigstens mit ihren Müttern.
Deswegen machen sich ein paar von ihnen immer wieder auf den Weg hin zur Gedenkstätte, in der die Nazis mehr als 200 Menschen des 20. Juli 1944 über mehrere Monate hinweg umbrachten. Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Werner von Haeften, Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim und Friedrich Olbricht erschossen sie zuvor per Standgericht bereits