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Lissi legte ihr Telefon zu Seite. Sie hatte ihren in der Wachau lebenden Eltern von dem Termin beim Anwalt berichtet, der letzte Woche stattgefunden hatte. Ihr war wohl deutlich anzuhören gewesen, wie aufgeregt sie immer noch war. Obwohl es sich sieben Tage später schon viel normaler anfühlte, ein Teil der Familie König zu sein. Die Konditorentradition fortzusetzen. Nach Großvater Max König, Herbert König und Viola König die vierte Konditorin in der Familie zu werden.
Bis zur Gesellenprüfung Ende Juni würden aber noch viele Wochen vergehen, und sie hatte genügend Zeit, in einem Backbuch zu blättern: ihre zweitliebste Beschäftigung nach dem Backen. Sie hatte es sich mit einigen Kissen auf dem Rattanbett bequem gemacht. Das breite Bett und die restliche Einrichtung hatte sie von Iris übernommen, nachdem diese zu Fritz in dessen Wohnung gezogen war. Vorher hatte Lissi in einem der Pensionszimmer mit Duschbad gewohnt. Ein sehr hübscher Raum mit Blick auf den Bodensee und vollkommen ausreichend für eine Person. Dieses Zimmer unterm Dach war doppelt so groß und einfach nur wunderschön. Die Einrichtung im Boho-Stil stammte noch von der verstobenen Viola. »Du kannst es natürlich neu möblieren, wenn dir die Sachen nicht gefallen«, hatte Iris gesagt. Aber Lissi gefielen die grüne Samtcouch, der helle Kelim-Teppich mit dem floralen Muster und die beiden Korbsessel, in denen bunte Kissen lagen. Sie hatte nur den niedrigen Holztisch gegen einen runden Glastisch getauscht, zwei hellere Nachttischlampen und einen Minikühlschrank für Getränke angeschafft. Sie fühlte sich sehr wohl in diesem Zimmer mit der Dachschräge; schließlich war sie ja Violas Nachfolgerin, wie Annemarie es einmal formuliert hatte. »Ohne dich wäre die Konditorei vielleicht eines Tages in fremde Hände gefallen. Wir sind alle sehr glücklich, dass du aufgetaucht bist und noch dazu Konditorin werden willst. So bleibt der Tortenhimmel in der Familie.«
Annemarie, unverheiratet und kinderlos, ging Familie über alles. Auch für Lissi war sie wichtig, und sie schätzte sich überglücklich, seit dem Notartermin ganz offiziell zwei Familien zu haben. Das Backbuch in ihren Händen war auch nicht irgendein beliebiges, sondern das berühmte rote Rezeptbuch von Opa Georg. Es war ihr wertvollster Besitz, und sie erinnerte sich, was er einmal zu ihr gesagt hatte: »Hier drin sind alle von mir entwickelten Rezepte notiert. Es stellt mein gesamtes Vermögen dar; ohne dieses Buch wäre ich ein armer Mann.« Damals war sie fünf oder sechs Jahre alt gewesen, hatte aber gleich verstanden, was er damit ausdrücken wollte. Einige der klassischen Rezepte wie die Sachertorte hatte er natürlich oft genug gebacken, dass er nicht mehr ins Buch schauen musste. Für andere hatte er die exakten Zutatenmengen nicht im Kopf, und bei Kuchen und Torten war es unerlässlich, alles ganz genau abzuwiegen. Ein paar Gramm oder ein Deka, wie in Österreich gemessen wurde, zu viel oder zu wenig, und der Teig war ruiniert. Dann fiel der Biskuit zusammen, oder der Hefeteig »blieb hocken«, wie Opa Georg es genannt hatte, wenn der Teig nicht aufging. Sie sah sich noch neben ihm in der Backstube stehen und zusehen, wie er Eier gewissenhaft trennte. Eiweiß mit dem Schneebesen aufschlug. Schokolade über Wasserdampf schmolz oder Schokoladenguss über Torten fließen ließ. Mit ungefähr acht Jahren, als sie gut lesen konnte, durfte sie ihm die Zutaten vorlesen und bald auch beim Abwiegen helfen. In dieser Zeit war ihr Wunsch erwacht, Konditorin zu werden. Wie ihr Großvater wollte sie den köstlichen Duft von frisch gebackenem Kuchen einatmen, Rührschüsseln ausschlecken, Kuchenkrümel naschen und eines Tages die Zutaten zu ihrer ersten eigenen Torte in dieses rote Buch schreiben.
Noch hatte sie kein eigenes Rezept entwickelt, aber bereits eine Idee, die sie demnächst ausprobieren wollte. Wenn das Ergebnis so aussah und schmeckte, wie sie es sich vorstellte, würde sie hoffentlich Meister Müller damit begeistern können