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Hier wäre zunächst Jan Juan. Und zwar in einer für ihn absolut typischen Situation. Er hängt irgendwo rum, kann keine Entscheidung fällen und wartet so lange ab, bis irgendwas passiert, das ihm diese Last von den Schultern nimmt. Jetzt – und jetzt ist vor ziemlich genau einem Jahr – steht er auf einem Parkplatz rum und kann sich nicht entscheiden, ob er weiter auf seinen Freund Rode warten oder zu Fuß nach Hause gehen soll.
Rode ist Jan Juans bester Freund. So einer, mit dem man alles zusammen macht. Einer, von dem man meint, dass er alles über einen weiß. Zum Beispiel, wie man beim Aufstehen, beim Essen und beim Kacken aussieht.
Einer, mit dem man seit Jahren zusammenwohnt, zusammen feiert, zusammen einkauft, zusammen abhängt. Einer, zu dem man irgendwann mal unter Promilleeinwirkung gesagt hat: »Wenn wir mit dreißig noch nicht unter der Haube sind, dann heiraten wir beide eben.« Natürlich nur aus Spaß. Denn damals, als man das gesagt hat, durften Männer zwar zusammenleben, aber noch keinen standesamtlichen Bund fürs Leben eingehen.
Die Häuser sind steingrau, der Himmel aschgrau, die Gesichter der Passanten graugrau. Selbst die ein Stück weiter blinkende Weihnachtsdekoration, die freudlos »F ohe We hn cht« morst, wirkt grau. Am Sonntag ist erster Advent, ein nasser Flyer auf dem Boden lädt zur weihnachtlichen Tombola der Kirchenseniorengruppe des Veedels ein, es soll Kekse und Glühwein geben, gegen Aufpreis mit Schuss.
Jan und Rode werden allerdings nicht hingehen. Sie wollen zur Hochzeit von Jans Cousine Juli nach Sylt reisen, und Jan wartet frierend vor dem Supermarkt Mega 3000 auf Rode, der ihn hier schon vor einer halben Stunde hatte abholen wollen.
Jan tritt von einem Bein aufs andere und fühlt sich ein wenig wie ein Kind, das vor dem Bälleparadies vergessen wurde.
Er starrt wütend auf sein Smartphone. Das Smartphone ist schuld, dass seine Einkäufe zermatscht zu seinen Füßen liegen. Weil er zu geizig war, eine Papiertüte zu kaufen, hat er alles in der Hand transportiert, und beim Herausholen des Handys ist ihm alles runtergefallen.
Jans Handy ist quasi ein großer Teil seines Büros. Was einerseits praktisch ist, aber wer nimmt schon gerne sein Büro überallhin mit? Generell hat sich das ja in den letzten Jahren bei vielen Berufstätigen so entwickelt, aber ob das auch wirklich eine gute Entwicklung ist, das ist fraglich.
Seit Jan den Supermarkt verlassen hat, hat er drei E-Mails bekommen, vierSMS, einundvierzig WhatsApps aus drei Gruppen von sieben Absendern, sechs Voicemails und drei Anrufe in Abwesenheit, alle drei von seiner Mutter. Grundsätzlich würde er das schon alles abhören und beantworten, aber er kann nicht. Sein iPhone verabscheut – so wie jeder einigermaßen normale Mensch – Temperaturen um den Gefrierpunkt und schränkt bei derartiger Wetterlage seine Funktionen selbstständig ein.