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Die Burg würde fallen.
Mauern und Zinnen aus gelbem Stein erstreckten sich in die Ferne und verschmolzen mit dem Dunst der Mittagssonne. Ich stand auf dem höchsten Turm des Ostflügels und beobachtete die unter mir tobende Schlacht. Zwei schwarze Armeen kämpften in dem Dunst gegeneinander, prallten auf Stegen und in Innenhöfen aufeinander. Sie vermischten sich zu einem Meer der Gewalt, winzige Gestalten, die einander niederschlugen, Leichen, die ins Leere stürzten und zu nichts zerfielen.
Die angreifende Armee bestand aus Dschann, schlanken Humanoiden, wie aus lebendiger Dunkelheit geformt. Sie bewegten sich mit einer fließenden Eleganz, mörderisch und schnell. Die Verteidiger waren Schattenkonstrukte, rauchige Gestalten mit glühend weißen Augen. Sie waren langsamer und ungeschickter als die Dschann, aber sie starben nicht: Wurden ihre Körper zerstört, erstanden sie einfach neu am Ort ihrer Erschaffung. In einem steten Schwarm flogen sie von der Gruft heran, flatterten mit schweren Flügelschlägen am Himmel und stürzten sich erneut in den Kampf.
Doch Dschann und Schatten waren nur Bauernopfer, entscheiden würden den Kampf die Magier. Es waren wenige, und sie versteckten sich hinter Dächern und Festungswällen, waren anhand ihrer Macht jedoch leicht aufzuspüren. Ein Schwarm Dschann verschwand in einem Gebäude, kam aber nicht mehr heraus. Weiter im Süden ging eine Schattenschar in einem Hof nieder; Licht flackerte kurz an den Wänden, und ein paar Minuten später tauchte eine neue Wolke schwarzer Funken aus der fernen Gruft auf.
Die Burg gehörte dem Schwarzmagier namens Sagash. Besser gesagt, siehatte ihm gehört; ich sah jetzt seit zwanzig Minuten zu, und es wurde deutlich, dass Sagashs Truppen verloren. Die Kathedrale, die den Südquadranten überragte, hatte lange standgehalten, Blitze hatten jeden Dschann niedergeschlagen, der sich ihr genähert hatte, aber vor zehn Minuten war Kampfmagie aufgeflammt, und danach hatten die Blitze aufgehört. Bei meinem letzten Besuch in dieser Burg hatte ich gegen einen von Sagashs Lehrlingen gekämpft, einen Blitzmagier namens Sam. Ich hatte das Gefühl, ihn in dieser Kathedrale gespürt zu haben. Und ich hatte auch das Gefühl, zu wissen, wer ihn zum Schweigen gebracht hatte.
Ich bemerkte, dass sich ein Ausläufer der Schlacht in meine Richtung bewegte, Schattenkonstrukte rangen in einem Laufgefecht mit einem sie verfolgenden Trupp Dschann. Beide Seiten erlitten Verluste, aber die Dschann erhielten Verstärkung und die Konstrukte nicht. Ihren Bewegungen nach zu urteilen, schienen sie etwas zu schützen, aber ich konnte nicht sehen, was.
Ich ging die Zukünfte durch, suchte nach Informationen. In einer, noch neunzig Sekunden entfernt, erblickte ich flüchtig eine Gestalt auf einem Dach, die allein gegen einen Schwarm Dschann kämpfte. Ihr Gesicht konnte ich nicht erkennen, doch ich konnte erraten, wer es war.
Kurz dachte ich nach, dann machte ich einen Schritt über den Rand des Turms und ließ mich fallen.
Bis ich ankam, waren sämtliche Schatten zerstört, die letzten beiden lösten sich gerade in Rauch auf, als ich auf den gelben Stein trat. Der Kampf hatte sich in die Höhe ausgedehnt, und nun standen wir auf einem Flachdach mit eisernen Geländern voller Dornen und niedrigen Brüstungen an drei von vier Seiten, die einen vor dem Sturz bewahrten. Breite Klüfte trennten das Dach von gewaltigen Gebäud