1. Kapitel
Kasselberger Weg am Rhein, Köln
Donnerstag, 29. Juni 2023
Jedes Opfer hat es verdient, dass ihm Gerechtigkeit widerfährt. Und meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen.
Sophie Kaiser
Sophie Kaiser war zusammen mit ihrem Kollegen vomBKA Wiesbaden, Leonhard Michels, unter dem Pavillon hervorgetreten und sah nun zu den Schaulustigen hinauf. Ihr Blick fiel auf einen Jogger, der direkt zu ihr sah. Etwas an seiner Körpersprache verriet Sophie, dass er mehr an dem, was hier unten geschah, interessiert war als die übrigen Schaulustigen, die sich am Rheinufer eingefunden hatten und die Hälse reckten, um möglichst nichts von dem zu verpassen, was am Fundort vor sich ging.
»Ich brauche Fotos von allen Leuten dort oben. Bitte kümmern Sie sich darum«, wies sie einen uniformierten Kollegen an. »Und die vollständigen Personalien, bitte. Einzelfotos von denen, die keinen Ausweis dabeihaben.«
»In Ordnung«, gab der Polizist knapp zurück und setzte sich in Bewegung.
»Dafür brauchen Sie unsere Einwilligung«, hörte Sophie jemanden laut sagen und sah erneut nach oben, ob es der Jogger war, der sich beschwerte. Doch der hatte sich etwas abseits gestellt, das Handy in der Hand, und schien zu telefonieren. Sophie wandte sich Leonhard zu.
»Denkst du, dass unser Mann dafür verantwortlich ist?«, fragte Leonhard.
»Aufgrund der Auffindesituation nicht«, antwortete Sophie. »Er hat bisher keines seiner Opfer zerstückelt. Und die einzige Gemeinsamkeit sind nach jetzigem Kenntnisstand das Geschlecht und der Rest, der von ihren langen blonden Haaren übrig ist.«
Marcus Brandner von der Spurensicherung trat ebenfalls unter dem Pavillon hervor und gesellte sich zu Sophie und Leonhard, gefolgt von seinem Kollegen Stephan Moritz.
»Und?«, fragte Leonhard nur.
»Was die Spuren angeht, solltet ihr nicht zu viel erwarten. Das Wasser wird einen Großteil vernichtet haben, und wir können lediglich auf Anhaftungen unter dem Zement und am Opfer selbst hoffen. Doch ob hier etwas übrig geblieben ist, ist fraglich. Bei dem Zustand der Leiche werden wir das Opfer wohl nur über die Zähne oder einenDNA-Abgleich identifizieren können.«
»Kannst du schon sagen, wie lange sie in etwa im Fluss gelegen hat?«, fragte Sophie, worauf Marcus sogleich den Kopf schüttelte.
»Das ist zum jetzigen Zeitpunkt unmöglich. Denk an die caspersche Regel: Im Wasser fault eine Leiche bei gleichen Temperaturbedingungen nur halb so schnell wie an der Luft. Da sie aber nur noch Reste ihrer langen Haare hat, wird sie längere Zeit im Wasser gelegen haben, nicht nur Tage, sondern wahrscheinlich Jahre.« Brandner atmete einmal tief durch.
»Also eher nicht Katherine Wolf? Oder Selina Breuer?«, vergewisserte sich Sophie, denn aktuell wurden zwei weitere junge Frauen mit langen blonden Haaren vermisst.
Der Mann von der Spusi zuckte mit den Achseln, brummte: »Eher nicht«, dann wandte er sich an seinen Kollegen. »Komm, machen wir weiter. Je schneller wir bei dieser Hitze und dem Fäulnisgestank der Leiche fertig werden, desto besser.« Damit machte er kehrt und verschwand wieder unter dem Pavillon. Stephan zögerte kurz, dann folgte er Marcus, obwohl ihm anzusehen war, dass er gern noch einen Moment lang pausiert hätte.
»Was überlegst du?«, fragte Leonhard, mit dem sie seit nunmehr einem Vierteljahr fest beimBKA Wiesbaden zusammenarbeitete. Sophie war froh gewesen, dass Leonhard ihr Angebot angenommen hatte, mit ihr zusammen zumBKA zu wechseln und dort in einer neu gegründeten Einheit deutschlandweit tätig zu werden. Nachdem Leonhard und sie gemeinsam den sogenannten Sandmann-Fall hatten aufklären können, war ihr vom Leiter der operativen Fallanalyse desBKA nicht nur der neue Job, sondern darüber hinaus angeboten worden, ihr Team selbst zusammenzustellen. Sophie hatte nicht lange überlegen müssen und sich für Marcus Brandner und Stephan Moritz von der Spurensicherung der Kripo Hannover entschieden. Sie hatte nicht bezweifelt, dass diese ihr zumBKA folgen würden, und sie hatte mit ihrer Einschätzung richtiggelegen. Marcus war in gesellschaftlicher Hinsicht ein recht anstrengender Charakter, zumindest für die Allgemeinheit. Sophie und er jedoch hatten sich von Anfang an gut verstanden, und Sophie war der Ansicht, dass sein Verhalten und seine Art zu denken sehr viel logischer und nachvollziehbarer waren als die der meisten Menschen, mit denen sie zu tun hatte. Marcus Brandner war, was die Spurensicherung anging, eine Koryphäe, weshalb er trotz seiner zahlreichen Marotten von den Kolleginnen und Kollegen akzeptiert wurde. Für Sophie zäh