ERSTER TEIL
Tod im OP
1. Kapitel
ZWEI WOCHEN SPÄTER
Berlin-Pankow, Klinikum Spreehöhe, Schwanebecker Chaussee50
Montag,6. Mai,13.03 Uhr
»Ich muss mal kurz raus, läuft ja alles nach Plan«, stellte Doktor Christian Zwosta, Facharzt für Anästhesiologie am Klinikum Spreehöhe, mit einer Mischung aus Lässigkeit und Gleichgültigkeit eher fest, anstatt um eine Pause zu bitten, wie es eigentlich hätte sein sollen.
Silke Vogelsang, die alsOP-Schwester in der Hackordnung weit unter Zwosta stand, blickte hinter ihrer Maske von dem Anästhesisten zu Doktor Sasha Müller, die als operierende Chirurgin die Leitung im Saal innehatte. Sie fragte sich, wie die Chefin – wie Müller als Chefärztin der Chirurgie von ihren Mitarbeitern genannt wurde – mit dieser offenen Provokation umgehen würde. Sie schätzte es gar nicht, wenn Ärzte ohne einen triftigen Grund eineOP verließen. Schon gar nicht an Tagen wie diesem, wo sich ein Eingriff an den nächsten reihte und sie dem Zeitplan bereits mehr als eine Stunde hinterherhinkten.
Silke Vogelsang wusste aber auch, dass es nicht mehr so wie früher war, als die Ärzte Schlange standen, um sich imOP zu beweisen. Der Fachkräftemangel hatte längst das Gesundheitswesen erreicht, und die Chefin hatte ihr erst kürzlich erklärt, dass selbst sie immer weniger Einfluss auf die Zusammenstellung ihres Teams hatte. An manchen Tagen konnte sie froh sein, wenn sich überhaupt genug Ärzte zur Arbeit meldeten. Das war ein verfluchter Teufelskreis. Zu wenig Ärzte bedeutete verschobeneOPs, was zur Folge hatte, dass die Betten in den Häusern zu lange belegt wurden, was zur Folge hatte, dass die nächsten Patienten zu lange auf ihren Eingriff warten mussten, und so weiter, und so fort. Keine gute Entwicklung also. Da musste dringend etwas geschehen.
Vogelsang wandte den Blick nicht von der Chefin ab, die Zwosta mit hochgezogener Augenbraue skeptisch anstarrte. Sie konnte das absolut nachvollziehen. Mal abgesehen davon, dass sie Zwosta wegen seiner in der ganzen Klinik bekannten Überheblichkeit selbst nicht besonders gut leiden konnte.
Sie waren erst seit etwa einer Stunde dabei, Jens Dauber, der an zahlreiche Überwachungsgeräte angeschlossen vor ihnen auf demOP-Tisch lag, einen femoropoplitealen Bypass zu legen.
Was sich für den Laien kompliziert anhörte, war nichts anderes als eine Gefäßüberbrückung, bei der ein Transplantat in Form eines Schlauches so eingesetzt wird, dass die verstopfte Ader einfach umgangen wird, um wieder einen ungehinderten Blutfluss zu ermöglichen. Ein an sich recht unkomplizierter Routineeingriff mit großem Ergebnis, der Jens Dauber, so hatte es die Chefin in der Vorbereitung erklärt, in letzter Konsequenz eine Amputation seines Raucherbeins ersparen würde. Nach dem Eingriff sollte der mit seinen gerade mal fünfzig Jahren für diese Krankheit ungewöhnlich junge Dauber wieder beschwerdefrei sein. Und wenn er mit dem Rauchen aufhören und sich gesund ernähren würde, könnte das der Start in ein gesünderes und längeres Leben werden. So weit die Theorie.
Doch Silke Vogelsang wusste aus Erfahrung, dass die meisten Raucher nach einigen Wochen wieder rückfällig wurden. Das war tragisch, aber letztlich die Entscheidung eines jeden einzelnen Patienten.
Anders als Zwostas Pause, die die Chefin normalerweise nicht tolerieren würde. Vermutlich ließ sie ihm das durchgehen, weil er ihr auch noch für die nächsten beidenOPs zugeteilt war. Manchmal konnte sie sich nur wundern, und ihr kamen viele Vorgänge wie im Kindergarten vor. Sie konnte nicht verstehen, wie die Ärzte wegen Nebensächlichkeiten langwierige Diskussionen führten, die am Ende sowieso zu nichts führten. Außer dass die Stimmung in den Keller fiel. Und genau vor einer solchen Situation standen sie hier. Das schien auch Zwosta erkannt zu haben, denn obwohl er sich bereits vomOP-