I.Vorschule
Philosophie und Weisheit
»Dass wir leben ist unzweifelhaft ein Geschenk der Götter, dass wir gut leben, ein Geschenk der Philosophie. … Die Weisheit ist die Lehrerin der Seele. … Die Gestaltung des Lebens selbst ist ihre Aufgabe und Kunst … Indes ist es nur das glückliche Leben, auf das sie zielt: dahin führt sie, dahin öffnet sie die Wege.«23
Bevor wir zu den einzelnen Fächern der Lebensschule kommen, wollen wir uns genauer anschauen, aus welcher Richtung sich Seneca dem Thema nähert. Nach ihm ist es die Philosophie – wörtlich die »Liebe zur Weisheit« –, die den Weg zu einem gelingenden Leben aufzeigen soll. Sie lehre, gut zu leben, ihr Ziel sei das glückliche Leben. Sie unterrichte die Seele und gestalte das Leben.
»Der Weise ist der Meister in der Kunst, die Übel zu bändigen. Schmerz, Armut, Schmach, Kerker, Verbannung, die sonst überall Schrecken erzeugen, sie wandeln sich ins Milde, wenn sie an ihn kommen.«24
Philosophie beschränkt sich nicht auf Einzelzwecke, sondern hat das Ganze des Lebens mit allen seinen Bezügen und Bedürfnissen im Sinn. Sie sieht ab von einzelnen Aspekten und fragt danach, worum es bei all unserem Tun letztendlich geht: um ein gutes und glückliches Leben.
Philosophie als Seelenheilkunde
Aber welche Kunst führt dahin? Es istnicht jener Teil der Philosophie, der sich mit abstrakten Fragen wie nach dem Sein, der Wahrheit, dem Ursprung der Dinge, den Bedingungen für die Möglichkeit von Erkenntnis, dem Wesen der Sprache oder verwandten theoretischen Problemen beschäftigt. Häufig verstehen wir unter Philosophie ausschließlich ein solches Fragen. Dieses ist sinnvoll und hat am Ende auch Einfluss auf die Kunst der Lebensführung. Aber es birgt die Gefahr, sich darin zu verlieren und die Probleme der alltäglichen Lebensbewältigung zu vernachlässigen oder gar gänzlich auszusparen.
Seneca erkannte zwar das Recht und die Notwendigkeit dieses theoretischen Teils der Philosophie an, hielt sich aber in seinen Büchern nicht lange damit auf und konzentrierte sich stattdessen auf praktische Fragestellungen. So ging er gleich an das Ende und Ziel allen Philosophierens, das er darin erkannte, die Seele gesund, heil, ganz zu machen und dem Leser den Weg zu einem gelingenden, glücklichen und erfüllten Leben aufzuzeigen.
Er übernahm die in der Antike allgemein herrschende Auffassung, dass alle Menschen danach streben, ein glückliches Leben zu führen. Alle anderen Ziele, die sie verfolgen, seien nur Mittel zum Zweck und mündeten letztlich in diesem einen übergeordneten Streben.
Die praktische Philosophie dient direkt und unmittelbar unserem Leben selbst, alle anderen Disziplinen haben nur einzelne Aspekte im Blick. Jene beschäftigt sich mit der Substanz und dem Wesen des Lebens selbst, diese lediglich mit dem Beiwerk, Schmuck oder mit der Beschaffung seiner materiellen Grundlagen. Daher führt der Weg der praktischen Philosophie über die Ordnung des eigenen Seelenlebens. Hier, und nicht im Äußeren, liegen alle Gefährdungen, Stolpersteine, Feinde und Versuchungen, die verhindern, dass wir uns dem Ziel eines glücklichen und erfüllten Lebens annähern. Unsere eigenen ungelösten Konflikte, Fehler und seelischen Defizite wie Ängste, Sorgen, Überforderungen, Selbstverliebtheiten, Überheblichkeiten, Zorn, Ärger, Neid, Gier, Eifersucht halten uns davon ab. Sie waren für Seneca »Krankheiten«, die es zu heilen gelte, und die Philosophie daher vor allem Seelenh