Kapitel 1
Schamlos
Evelyn
Dieser nackte Männerkörper war einfach perfekt.
Ich hielt den Atem an, während meine Finger die makellos modellierten Muskeln nachfuhren. Die Bauchmuskelstränge, die Schultern und den Bizeps. Hart wie Stein und glatt wie Marmor.
Er war ein Meisterwerk.
Mein Meisterwerk.
Aus Ton.
Behutsam stellte ich die Figur auf den Sockel und schloss den Brennofen. Adam war fertig, und er war mit Abstand die beste Skulptur, die mir jemals gelungen war. Ich konnte mich gar nicht sattsehen an der makellosen Patina und den harmonischen Proportionen, auf die selbst Leonardo da Vinci stolz gewesen wäre – zumindest an dem Teil, den ich von ihm zeigen durfte, denn auf das obligatorische Feigenblatt hatte die Leiterin der Kunstausstellung bestanden.Salonfähigkeit und so.
Die zur Assemblage gehörende Eva, um deren Nacktheit sich die Schlange winden würde wie eine sinnliche Vertraute, wartete unter ihrer Plastikfolie brav wie eine verschleierte Braut darauf, dass ich auch sie vollendete. Aber nicht mehr heute. Denn in spätestens zwei Minuten würde mein Wecker … zu spät!
Obwohl ich damit gerechnet hatte, zuckte ich zusammen, bevor ich mich streckte, um mit dem am wenigsten tonverschmierten Finger den Alarm auf meinem Handy stummzuschalten. Und obwohl ich wusste, dass es halb sieben Uhr morgens war, warf ich einen kurzen Blick auf die antike Uhr unter dem Dachbalken meines winzigen Ateliers. Eigentlich konnte ich mir die zusätzliche Miete nicht leisten. Aber ich liebte diese stickigen neunundzwanzig Quadratmeter – zweiundzwanzig, wenn man die Schrägen abzog. Jeden Morgen empfing mich der Duft von altem Staub, unbehandeltem Holz und lehmigem Ton. Der Ausblick auf die trostlosen Hausfassaden von West Chicago war zwar kein Highlight, aber wenn die Sonne im richtigen Winkel stand, tanzten Staubpartikel in der Luft wie winzige Glitzerfeen.
Bonus: Das Atelier lag direkt über meiner Wohnung, weswegen ich zu jeder Tages- und Nachtzeit herkommen und arbeiten konnte. Was ich auch musste, wenn ich jemals einen Fuß in die Tür der großen Kunstgalerien und Skulptur-Vernissagen dieser Welt kriegen wollte. Vorher nicht pleite zu gehen, wäre auch nicht schlecht.
Ich verdrängte den Gedanken an das wachsende Minuszeichen auf meinem Darlehenskonto, bevor mir der Morgenkaffee hochkommen konnte. Auf der Abendschule hatten sie mir empfohlen, einen Starterkredit aufzunehmen, als ich verkündet hatte, ich wolle mich als Kunsthandwerkerin mit meinen Tonskulpturen selbstständig machen.
Sagen wir, seitdem war meine Begeisterung für feuchten Ton nicht mehr das Einzige, das mich jeden Morgen noch vor fünf Uhr aus dem Bett trieb. Schulden waren scheiße. Mein Bankberater hatte mir versichert, dass das Überziehen eines Starterkredits völlig normal war, bevor das Geschäft richtig in Gang kam. Gerade im Handwerk und ganz besonders im Kreativhandwerk – was wohl durch die Blume so viel bedeutete wie: »Sie waren von Anfang an ein hoffnungsloser Fall, Miss Tate. Aber hey, ich verdiene an Ihren Zinsen, also ist mir völlig egal, ob Sie nachts ruhig schlafen. Sie können selbstverständlich weiterhin Ihr Konto überziehen, solange Sie jeden Monat brav die Tilgung leisten.«
Bänker waren auch nur Sadisten in Anzügen, oder?
Und weil ich leider nicht nur die Sadisten bezahlen, sondern auch meinen Kühlschrank füllen wollte, brauchte ich neben meiner Selbstständigkeit einen Job – einen richtigen Job mit festem Gehaltscheck, der mich über Wasser hielt, bis ich von meinen Kunstwerken leben konnte. Was mir natürlich weniger Zeit für die Skulpturen ließ, womit sich die Katze irgendwie in den Schwanz biss.
Vielleicht hättest du noch einen Kurs in BWL und Finanzen belegen sollen, bevor du dich kopfüber in diese Schnapsidee vom Kunsthandwerk gestürzt hast.
Ich hasste diese Pessimistin in meinem Kopf, und ich hasste noch mehr, dass sie klang wie die Stimme meiner Mutter. Beeindruckend, wie genau man sich an eine Stimme erinnerte, die man zuletzt an Weihnachten übers Telefon gehört hatte.
Nein. Das hier würde ich durchziehen.
Ich würde es meiner Mutter beweisen, mir selbst und ganz Chicago bei der Ausstellung im Herbst.
Bis dahin: Brotjob! Zu d