Kapitel 1
Lucia hatte geliebt und verloren.
Lasse hatte die Scheidung beantragt und durchgesetzt, weil sie angeblich ihren Ehemann und ihre Tochter vernachlässigt hatte. Doch das hatte sie nicht. Niemals würde sie die kleine Marie vernachlässigen. Sie hatte doch nur mit ihrer Schwester Liv deren Abschluss als Zoologin an der Universität gefeiert. Wenn das kein Grund zum Feiern war! In einem Café auf der Karl Johans gate in Norwegens Hauptstadt Christiania.
Liv hatte als erste junge Frau der Insel Smøla das Examen artium bestanden, war eine der ganz wenigen Frauen gewesen, die an der Universität studierten, und hatte deshalb sogar Edvard abgewiesen, den reichsten Junggesellen Christianias. Liv hatte gekämpft und mit Unterstützung der Leute auf der Insel ihr Studium zu einem grandiosen Abschluss gebracht, und sie hatte sogar eine Anstellung erhalten.
Keine zwei Stunden war Lucia in dem Café gewesen. Ein einziges Glas Wein hatte sie getrunken. Doch Lasse hatte sie gesehen, hatte alles ins Gegenteil verkehrt und so einen Grund für die von ihm angestrebte Scheidung gefunden.
Dabei hatte zwischen ihnen einst alles so romantisch begonnen. Lasse war vor einigen Jahren mit einem Forschungsauftrag nach Smøla gekommen. Sie verliebten sich, sie verlobten sich, sie heirateten und gingen nach Christiania, um dort zu leben. Und alles, was auf der Insel schön gewesen war, kehrte sich in der großen Stadt ins Gegenteil. Ihre Kleider waren provinziell und nicht mehr inseltypisch, ihr Dialekt bäurisch und nicht mehr charmant, ihre Manieren ungeschliffen und nicht mehr bodenständig, ihre Herkunft eine Katastrophe. Lasse entfernte sich immer weiter von ihr. Er schämte sich mit ihr und für sie und suchte sich eine Geliebte, die er vorzeigen konnte. Und schon bald würden sie geschieden sein.
Jetzt befand sich Lucia mit Marie wieder zu Hause, auf Smøla. Sie hatte Lasse verlassen müssen. Er hatte schon seit Monaten nicht mehr bei ihr gelebt, hatte sich ein Zimmer in der Hauptstadt genommen und sie ganz ohne Geld gelassen. Wäre Liv nicht gewesen, die sie finanziell unterstützt hatte, hätten Lucia und Marie hungern müssen. Und schließlich war sie auf die Insel zurückgekehrt. Was hätte sie denn sonst tun sollen?
Ihre Familie lebte hier. Hier bekam sie Unterstützung. Hier konnte sie in Bjarnis Fischfabrik arbeiten, und Marie blieb derweil bei Lucias Ziehmutter Runi. Hier konnte sie für ihre Tochter sorgen. Nur hier. Nirgends sonst. Sie lebte im Haus der alten Merette, die vor Kurzem gestorben war. Hier hatten sie Betten, eine Kochmaschine und einen Backofen, Teller, Töpfe, einen Tisch und ein paar Stühle. Teppiche auf dem Boden, Wäsche im Schrank und ein paar Vorräte im Keller. Hier hatte sie ein Zuhause gefunden. Merette hatte Lucia das Häuschen, in dem es noch immer so wunderbar nach Kräutern roch, vererbt, als sie von ihren Schwierigkeiten erfahren hatte.
Lucia hatte gehofft, Lasse würde sie vermissen. Oder wenigstens Marie, seine Tochter. Doch das tat er nicht. Stattdessen hatte er die Scheidungsunterlagen geschickt. Und Gunhild von der Handelsstation hatte herausgefunden, was es mit dem großen Umschlag auf sich hatte, und es allen auf der Insel erzählt, die ihr zuhören wollten. Und nun war Lucia gebrandmarkt. Da half es nicht, dass alle sie seit Kindertagen kannten. Nein, es wurde geflüstert und getuschelt, wenn sie zum Einkauf unterwegs war oder in der Fischfabrik arbeitete. Es hieß, sie