Vorwort
Ich erzähle Ihnen, geehrte Leserschaft, hier eine Geschichte, die in mancher Hinsicht derart unwirklich klingt, als würden Sie sich in einem Roman voller Intrigen, Brutalität und Ohnmacht befinden.
In derlei Romanen gibt es einen Protagonisten, den Helden sozusagen, dann gibt es den Gegner, Antagonist genannt, dazu kommen die dem Protagonisten wohlgesinnten Freunde, die als Side-Kick bezeichnet werden. Und irgendwann siegt der Protagonist heldenhaft. Tja.
Nur ist diese Geschichte keine Fiktion. Sie ist wahr. Es ist meine Geschichte. Und ich, der »Held«, sitze heute noch im Gefängnis.
Ein Anruf setzte sie in Gang, die tragische Wende zu meinem zukünftigen Leben. Er kam aus Deutschland und erreichte mich Ende März 1990 in der kleinen Mansardenwohnung meines Vaters.
Zu ihr hinauf führte eine uralte enge Treppe; das dreistöckige Holzhaus war eines der ältesten in dem kleinen Dorf am Fuße des Pilatus, dem Wahrzeichen der Zentralschweizer Stadt Luzern.
Viele Jahre lang hatte mein Vater die roten Triebwagen der Bergbahn mit wohl Hunderttausenden Touristen sicher zu der auf gut 2.100 Meter gelegenen Kulmstation hoch- und wieder runtergefahren. Die Zahnradbahn mit dem einzigartigen, von zwei Seiten greifenden »Locher«-Zahnsystem ist mit bis zu 48 Prozent Steigung die steilste der Welt.
Nun war mein Vater längst pensioniert. Seit er alleine lebte – seine Haushälterin war vor ein paar Jahren gestorben – ließ er sich gehen. Als ich bei einem Besuch den Eindruck bekam, dass er vielleicht an beginnendem Alzheimer leiden könnte, zog ich vorübergehend bei ihm ein, um für ihn da zu sein und seinen Haushalt auf Vordermann zu bringen. Vorläufig wollte ich bleiben, bis sich sein Zustand entweder besserte, oder aber entsprechende professionelle Hilfe nötig sein würde. Das nur kurz zu meinem Vater.
Ich kannte den Anrufer seit Jahren. Es war höchst ungewöhnlich, dass er anrief, denn sonst verlief unser Kontakt fast nur schriftlich. Wie viele andere war auch er von mir über meinen vorübergehend geänderten Aufenthaltsort inklusive der Telefonnummer meines Vaters informiert worden. Und nun teilte mir Hubertus Horn1, so hieß der Deutsche, in wenigen Worten den Grund seines Anrufes mit. Er wollte seine neue Bekanntschaft, eine Frau Bachwiese in der DDR, nach bisherigem Austausch feuriger Liebesbriefe erstmals besuchen und bat mich, i