: Jochem P. Kohl
: Pfad der Götter Roman
: Vindobona Verlag
: 9783902935946
: 1
: CHF 19.90
:
: Erzählende Literatur
: German
: 314
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
1967. Klaus und Marie begegnen in ihrem Urlaub in Italien zufällig dem jungen Paar Ruth und Ansgar - auf dem Pfad der Götter. Klaus und Ruth fühlen sich auf Anhieb zueinander hingezogen und verabreden ein Wiedersehen in genau 10 Jahren am gleichen Ort. Wie viel kann in 10 Jahren geschehen? Es sind Zeiten weltweiter politischer und gesellschaftlicher Umbrüche, die die beiden auf ganz unterschiedliche Art miterleben. Klaus ist als erfolgreicher Anwalt in Frankfurt am Main tätig und Ruth studiert an der FU Berlin. In beiden Städten sind die Umbrüche spürbar. Was für ein Leben führen die beiden innerhalb von 10 Jahren? Werden sie sich verändern? Werden sich überhaupt beide im Jahr 1977 wieder auf dem Pfad der Götter treffen?

– 1 –

In der Herbstsonne löste sich der Morgendunst nur langsam auf und gab zögernd den Blick auf das zu Füßen der Monti Lattari liegende Meer frei. Die Konturen der in der Ferne auftauchenden Inseln wurden immer schärfer, bevor die Sonnenstrahlen sie farbig aufleben ließen.

Als sie vor das Haus traten, glitzerte zwischen den Feigenbäumen das Mare Tirreno, aus dem sich die steilen und kalkgrauen Felswände erhoben. Die bergan strebenden bunten Weinberge weckten in den Wanderern gute Laune und der säuerliche Geruch der letzten, noch nicht geernteten Trauben, die langsam Fäule ansetzten, durchzog die frische Morgenluft.

Den Bauern, der bis zu den Schultern zwischen den Weinstöcken stand, erkannten die Wanderer erst, als dieser ihnen einen morgendlichen Gruß zuwarf, der fröhlich erwidert wurde. Die Frage nach der Güte der diesjährigen Weinernte beantwortete der Bauer nur zögernd positiv und schnitt mit einem kleinen krummen Messer eine sorgfältig ausgesuchte Traube ab. Sie lag dunkelbau in seiner groben Hand, die sich Marie entgegenstreckte. „Nimm sie“, forderte er sie auf, „probiere sie.“

Lachend nahm sie das Geschenk entgegen, ergriff mit der anderen Hand den Stängel und hielt die perfekt gewachsene Traube in die Höhe. Ein Morillo hätte sie nicht schöner malen können.

Plötzlich erstarrte Marie in ihrer Bewegung und schrie laut auf. Ihre weit aufgerissenen Augen richteten sich auf den hinter Klaus liegenden Berghang. „Eine Schlange!“, rief sie, „Da ist eine Schlange!“

Die beiden Männer folgten der Richtung ihres Zeigefingers. Auf dem lehmfarbigen Boden wand sich eine dicke schwarze Schlange. Klaus nahm Marie schützend in den Arm und als er die zweite und auch noch die dritte armlange Schlange unter den nächstliegenden Weinstöcken erkennen musste, schrie auch er lauthals.

„Sie sollten den Weg nicht weitergehen, Signori“, meinte der Bauer, „die Schlangen verbringen die Nacht im Rabennest, wie wir die Höhle dort oben nennen. Sehen Sie rechter Hand das große Loch, das in der Felswand liegt. Da nächtigen die Schlangen und kommen morgens um diese Zeit aus ihren Löchern, um sich in der Sonne zu erwärmen und sich von ihrem Rausch zu erholen.“ Beide schauten ihn fragend an, keiner bewegte sich. Als würde die Zeit für einen Augenblick stillstehen.