Klar und hell stieg die Märzsonne an diesem frühen Morgen über die Spitze des Kramers, des Hausbergs von Audorf, nahe Garmisch-Partenkirchen im Werdenfelser Land.
Die kleine, kaum hundert Einwohner zählende Gemeinde lag idyllisch in einem langgezogenen Tal, dessen mildes Klima die Landwirtschaft begünstigte. Im Norden erhoben sich so markante Gipfel wie Alpspitze, Waxenstein und die bekannte Zugspitze auf einer Höhe von weit über zweitausend Metern. Diese steinerne Wand brach die kalten Winde aus Nord, verhinderte im Frühjahr Spätfröste und zum Ende des Herbstes hin allzu zeitige Wintereinbrüche.
Folgte man der schmalen, kurvigen Landstraße Richtung Süden, gelangte man innerhalb einer guten halben Stunde nach Garmisch. Es gab hier viele landwirtschaftliche Flächen wie Wiesen, Weiden und Äcker sowie Almen auf der Höhe über dem Tal.
Das Tal von Audorf war waldreich. Dichte Mischwälder und himmelhohe Föhrenforste bildeten eine beinahe undurchdringliche Wildnis. Inmitten des Waldes lag westlich des Dorfes der Walchensee, ein klares, vom Gebirgswasser des Kramers gespeistes Gewässer voller Forellen und Barben.
Das Tal von Audorf zeichnete sich durch seine ursprüngliche Natur aus, in der noch seltene Pflanzen und Tierarten zu finden waren. Die Menschen hier waren fest verwurzelt auf der Scholle ihrer Vorfahren. Sie lebten von und mit dem Land, der Begriff des freien Bauerntums hatte noch eine Bedeutung. Man nutzte die natürlichen Ressourcen, ohne sie zu zerstören.
Jeder Bauer betrieb Landschaftspflege und entnahm den Forsten nur so viel Holz, wie er für den eigenen Bedarf benötigte. Der pflegliche Umgang mit der Natur war Tradition und Selbstverständlichkeit.
So hielten es auch die Bewohner des Schlehenhofes seit vielen Generationen. Die Familie Angermaier bewohnte und bewirtschaftete den stattlichen Besitz am Rand von Audorf. Der jetzige Bauer, Rudolf Angermaier, hatte den Hof seinerzeit von seinem Vater übernommen und dieser wiederum von seinem Vater. Und so konnte man die Linie der Bauernfamilie zurückverfolgen bis zum Beginn des neunzehnten Jahrhunderts.
Alle Geburten, Eheschließungen und Sterbefälle waren in dem dicken Familienbuch eingetragen, das jeder Bauer mit dem Hof übernahm und gewissenhaft führte.
Das Anwesen, zu dem eine von Ulmen gesäumte Allee führte, war im traditionellen Gebirglerstil errichtet worden. Ein breites, tiefgezogenes Schindeldach, eine weiß gekalkte Fassade, Fenster und Haustür aus schwerem Eichenholz sowie ein umlaufender Holzbalkon. Die freien Balken oberhalb des Eingangs verrieten das Baujahr des Gebäudes: 1811. Dazu ein Psalm aus der Bibel, der das Haus und seine Bewohner segnen und schützen sollte. Ebenso wie der Heilige Florian in der Nische neben der Haustür und die Lüftlmalerei auf der Fassade, die gleich ein ganzes Heer von Engeln und Heiligen zeigte und von der bodenständigen Frömmigkeit der