: Anne Sanders
: Liebe kann doch jedem mal passieren Roman | Englandroman der SPIEGEL-Bestsellerautorin von »Sommer in St. Ives« | Liebesroman in Cornwall | amüsante und witzige Frauenunterhaltung der österreichischen Autorin die Brighton liebt
: HarperCollins
: 9783749906789
: Chestnut Road
: 1
: CHF 8.90
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: German
: 288
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

immer gesucht, Liebe gefunden

Zahnä ztin Julie braucht eine Auszeit und ist heilfroh, in Brighton ein halbes Zimmer zu finden. Als sich jedoch herausstellt, dass die gerissene Vermieterin Mrs. Gastrell ein und dasselbe Zimmer an sie und den angehenden Anwalt Alex vergeben hat, ist Julie entsetzt. Ganz abgesehen davon, dass sie allein einziehen wollte, ist Alex das genaue Gegenteil von ihr: kühl, extrem diszipliniert, reichlich arrogant. Aus rein pragmatischen Gründen lässt sich Julie dennoch auf die unfreiwillige Wohngemeinschaft ein - ein Experiment, bei dem sie schon sehr bald feststellen muss, dass ihr WG-Partner vielschichtiger ist, als sie dachte. Vielschichtiger, extrem liebenswert und reichlich interessant ...

Der Auftakt zur neuen Reihe von Bestsellerautorin Anne Sanders (Sommer in St. Ives,Hotel der Herzen)

< trong>Im Haus in der Chestnut Road zieht die Liebe ein!



<p>Anne Sanders arbeitete als Journalistin unter anderem für die<em>Süddeutsche Zeitung</em>, bevor sie sich 2014 voll und ganz für die Schriftstellerei entschied. Ihre Liebe zu den britischen Inseln zieht sich durch so gut wie all ihre Romane - auch durch die Jugendbücher, die sie unter anderem Namen verfasst. Die Bestsellerautorin lebt mit Mann und Katzen im Großraum München.</p>

2
Julie


Es ist eine ausladende Männerbrust, gegen die ich da remple, beziehungsweise mehr die gepolsterte Schulter – der Mann ist einen guten, halb kahlen Kopf kleiner als ich, das Gesicht so rot wie die Tomatenspritzer auf seiner ehemals weißen Kochschürze.

»Mio dio«, nuschelt er unter einem dichten, schwarz-grauen Schnauzbart hervor, sobald ich von ihm abgerückt bin. »Das war knapp.«

Er balanciert eine mit gegrilltem Gemüse beladene Platte, einen Korb mit aufgeschnittenem Weißbrot, einen Teller mit köstlich duftenden Spaghetti und eine kleine Flasche Rotwein, samt Glas, das er ebenfalls in letzter Sekunde vor einem Sturz auf den Treppenabsatz retten konnte.

»Entschuldigung, das tut mir wahnsinnig leid.« Spontan nehme ich ihm den Brotkorb ab, der unter seinem Kinn klemmt. Und da ich schon dabei bin, schnappe ich mir die Weinflasche, die unter seinem Arm steckt, auch noch.

»Grazie, ragazza.« Er lächelt mich an.

Ich starre, auf einmal unsicher, was mich bis vor einer Minute noch beschäftigt hat: die Gedanken an meinen Zusammenbruch, die Atemnot, die mich aus Mrs. Gastrells Wohnung hatte flüchten lassen. Ich schätze den Mann auf Mitte fünfzig, Anfang sechzig vielleicht, vermutlich ist er Italiener, doch er strahlt eine Ruhe aus wie ein tibetanischer Tempel-Mönch. Seine braunen Augen funkeln, und mit einem Mal besänftigt sich mein Herzschlag. Als hätte jemand eine Klangschale in Schwingung gebracht, die mir ein gut gemeintesOmmmmm ins Ohr raunt.

Ein seltsamer Nachmittag ist das heute. Mit seltsamen Begegnungen. Und noch seltsameren Entscheidungen.

»Der Aufzug ist kaputt. Mal wieder.« Er verdreht die Augen. »Helfen Sie mir, das nach oben zu tragen, dann bin ich ganz bei Ihnen.«

»Ich wollte eigentlich gerade …«, beginne ich, doch da ist er schon auf halbem Weg die Treppe rauf, und ich kann ihm ja schlecht Brot und Wein zurück in die Hand drücken – in welche auch? Also folge ich ihm bis ins Dachgeschoss, wobei ich mich schon frage, was er gemeint haben könnte mit:Dann bin ganz bei Ihnen.

Oben angekommen gibt es, anders als in den übrigen Stockwerken, nur eine statt zwei Eingangstüren, und vor dieser platzieren wir das kleine, italienische Menü, das mit einem beherzten Klopfen und einem »Etwas zu essen für Sie, Mr. Walker! Stellen Sie das leere Geschirr einfach wieder vor die Tür, ich hole es später ab«, angekündigt wird.

»Künstler«, raunt der Mann mir zu, als würde das alles erklären. »Wir machen uns manchmal Sorgen, er könnte vor lauter Malen und Hämmern das Essen vergessen. Darum bringe ich ihm ab und an etwas an die Tür. Wir wollen doch nicht riskieren, dass er zu schwach wird, um sie zu öffnen.«

Er zuckt die Schultern, nimmt dann meinen Arm und führt mich die Treppe hinunter, was sich merkwürdig vertraut und gleichzeitig völlig unangebracht anfühlt.

»Also«, fragt er, »was hat sie getan?«

»Wer?«

»Mrs. Gastrell!«

»Oh. Sie hat … Sie …« Verwirrt runzle ich die Stirn, als mir einfällt, dass ich längst aus dem Haus sein müsste, um mir irgendwo ein günstiges Zimmer für die Nacht zu suchen, und nicht am Arm eines Wildfremden durch ein knarzendes Treppenhaus stolzieren sollte. Und woher will er überhaupt wissen, dass Mrs. Gastrell irgendetwas getan haben könnte?

»Was auch immer es war«, bekomme ich zu hören, »es ist sicher nichts, was nicht mit einem guten alten Kräuterschnaps zu neutralisieren wäre.«

Signore Orlando