Sonntag, 7. Mai
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Wolfram Ziegler schlenderte die Gleditschstraße entlang Richtung Winterfeldtplatz. An diesem Sonntagvormittag waren erstaunlich viele Menschen unterwegs. Die Sonne schien, es ging kein Windchen, nach dem langen Winter und dem kalten April – noch in den letzten Apriltagen hatte es unversehens geschneit – freuten sich die Leute, dass sie wieder raus konnten. Ihm ging es genauso. Wenn es draußen kalt und ungemütlich war, trafen sie sich sonntagvormittags reihum zum Skat, aber bei schönem Wetter eben hier, auf dem Sandplatz vor dem Kindertheater am Winterfeldtplatz, zum Boulespiel. Und ganz früher, als sie alle vier noch berufstätig waren, da trafen sie sich zum Handballspielen. Wie lange war das nun schon her? Sehr lange, kam es ihm vor, war er nun schon Oberstudiendirektor im Ruhestand. Immerhin hatte er den letzten Karriereschritt noch rechtzeitig geschafft. Und alles war gut, Hilde und er begannen einen neuen Lebensabschnitt, sie unternahmen wunderbare Reisen, entdeckten neue Orte, an denen sie es sich gutgehen ließen, und fühlten sich noch einmal jung.
Gerade passierte er den kleinen Park, der sich gegenüber dem Haupteingang der Sankt-Matthias-Kirche erstreckte. Das Geschrei der Kinder blendete er aus – das hatte er als Lehrer jahrzehntelang trainiert –, den Duft des Flieders zog er genüsslich durch die Nase ein wie eine Leckerei. Ihm kam der Gedanke, dass rosa, weißer und lila Flieder womöglich unterschiedlich duftete. Hätte er nicht Geografie und Sport unterrichtet, sondern Biologie, dann wüsste er das, ging ihm durch den Kopf.
Zwei Jogger, die sich laut unterhielten, überholten Ziegler, der Arm des einen streifte leicht seine Hüfte. Er zuckte zusammen. Da lag schon der halbrunde Sandplatz vor ihm, eingefasst von einem niedrigen Steinmäuerchen, umstanden von Sitzbänken, von denen einige bereits besetzt waren. Ohne Eile suchte er sich eine freie Bank, nahm ein Taschentuch aus der Jackentasche, mit dem er über die Sitzfläche wischte, und ließ sich nieder. Wunderbar. Wie gut das tat, nach dem kleinen Spaziergang von der Barbarossastraße hierher auszuruhen. Und in der Sonne zu sitzen! Wie meistens seit Hildes Tod war er auch heute der erste, und bis Helmut, Hans-Günther und Otto eintrafen, würde er noch eine Weile die lebendige Atmosphäre dieses Ortes genießen. Sein Blick folgte entspannt Passanten mit ihren Hunden, Leuten, die Kinderwagen schoben, Radfahrern und Skatern, Spaziergängerinnen. Drüben im Café am nördlichen Ende des Winterfeldtplatzes waren fast alle Tische schon besetzt, manche Gäste unterhielten sich, andere lasen Zeitung, wieder andere schauten einfach nur über den Platz und tranken ihren Kaffee.
Die Glocken der katholischen Kirche begannen zu läuten, in wenigen Minuten würde die Messe beginnen. Alles wie immer. Er beobachtete, wie sich nach und nach einzelne Gottesdienstbesucher:innen einfanden und die breite Treppe zum Eingang hochstiegen. Ein roter Kleinwagen – ein Fiat –, der langsam in die Gleditschstraße eingebogen war, hielt am Straßenrand. Ein großer, schwarz gekleideter schlanker Mann s