Zum x-ten Mal frage ich mich, was ich mir nur dabei gedacht habe. Es ist kühl, als ich aus dem Bus steige und die wenigen Meter zumPark Hyatt Hotel zurücklege. Leichter Regen nieselt auf mich herab.
Vor der schweren Eingangstür, die zur Hotelbar führt, atme ich noch einmal tief durch. Kritisch betrachte ich mich in der Glasscheibe. Mit meinem verführerischen Erscheinungsbild bin ich zufrieden. Dennoch ist der Anblick ungewohnt. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich nicht wirklich viele schicke oder wie in diesem Fall sexy Kleider besitze. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich in Jeans, T-Shirt und Sneakers am wohlsten fühle. Ganz ehrlich, so ist es nicht nur bequem, sondern auch verdammt praktisch. Als ich jünger war, okay, um einiges jünger, habe ich das noch anders gesehen. Aber wie heißt es so schön: Mit dem Alter wird man klüger.
Mit gemischten Gefühlen drücke ich die Türklinke nach unten und betrete die Bar. Sie ist an diesem Freitagabend gut besucht, aber nicht überfüllt. Kurz schaue ich mich um und steuere die Theke an. Ich setze mich auf einen der freien Barhocker und schlage die Beine übereinander. Meine Handtasche lege ich auf den Tresen. Während ich auf die Bedienung warte, um meine Bestellung aufzugeben, hole ich mein Handy heraus. Das Display zeigt zehn vor neun an, leichte Nervosität breitet sich in mir aus. Verstohlen suchen meine Augen den Raum nach Mike ab. Ich kann ihn nirgends entdecken. Was mich kaum überrascht, da wir erst um neun verabredet sind.
„Was kann ich Ihnen bringen?“, fragt die Frau hinter der Bar und lächelt mich freundlich an. Ich überlege, was ich bestellen soll, und entscheide mich für einenPimm’s No.1 Longdrink. Etwas Alkoholisches ist nicht schlecht, um meine Anspannung zu lockern.
Während ich an meinem Drink nippe, überkommen mich Zweifel, ob es wirklich eine gute Idee war, hierher zu kommen. Eigentlich kenne ich Mike nicht, trotzdem sitze ich nun hier und warte auf ihn. ScheißTinder! Sein Profil hat mich direkt angesprochen, vielmehr seine Fotos, den Text habe ich nicht gelesen. Das fand ich nicht nötig, weil ich momentan nicht ernsthaft jemanden kennenlernen möchte. Nicht nach dem, was ich gerade durchgemacht habe. Ohne groß nachzudenken, habe ich Mike eine Nachricht geschickt. Prompt hat er geantwortet. Nachdem wir eine Weile hin und her geschrieben haben, was amüsant war, hat Mike schnell klar gemacht, dass er nur das Eine möchte. Und weil ich etwas Ablenkung brauche, habe ich zugesagt. Jetzt sitze ich hier und warte auf ihn.
Nochmals tippe ich mein Display an, zehn nach neun. Wieder lasse ich meinen Blick durch die Bar schweifen. Dieses Mal etwas weniger verstohlen. Weit und breit kein Mike in Sicht. Langsam überkommt mich ein ungutes Gefühl. Was, wenn er nicht kommt? Ich schiebe den Gedanken beiseite, denn zehn Minuten Verspätung sind definitiv noch kein Weltuntergang. Er kommt bestimmt noch, versichere ich mir. Wäre es mir womöglich lieber, wenn er nicht kommen würde? Mein Unbehagen verstärkt sich.
„Bist du allein hier?“, fragt mich ein Mann in grauem Polohemd und schwarzen Jeans, während er mich von Kopf bis Fuß unverhohlen mustert.
„Ja, aber ich erwarte noch jemanden“, antworte ich höflich.
„Ich kann dir Gesellschaft leisten, während du wartest. Ich spendiere dir einen Drink, Kleines“, erwidert er in aufdringlichem Ton. Angewidert erschaudere ich. Und überhaupt, wie kommt er dazu, michKleines zu nennen? Ich bin nicht seinKleines.
„Nein, danke“, entgegne ich barsch.
Er versucht, mich in ein Gespräch zu verwickeln, aber ich habe keine Lust, mich mit ihm abzugeben. Vor allem lasse ich mir nicht gerne Drinks ausgeben, die kann ich auch selbst bezahlen. Als er das endlich verstanden hat, dreht er sich um und spricht direkt die nächste Frau an, die allein an der Bar sitzt.
Während ich mich insgeheim frage, wie viele Frauen er wohl schon vor mir angequatscht hat, fällt mein Blick auf die große Uhr hinter der Bar. Es ist schon halb zehn. Abermals nehme ich mein Telefon in die Hand und prüfe, ob ich eine Nachricht erhalten habe. F