1. Kapitel
Das Kissen fühlte sich so weich an. Lilly seufzte leise, kuschelte sich in die Decke und zugleich näher an ihn. Ihre Hand glitt über sein Hemd. Sie spürte, wie sein Herz schlug. Schnell und kraftvoll. Genauso wie ihres.
Nein, ihr Herz schlug sogar noch ein wenig schneller. Dafür gab es einen Grund, einen sehr guten sogar. Immerhin wollten sie sich heute das Jawort geben.
Lilly schreckte hoch, war mit einem Mal hellwach. Das Jawort! Panisch glitt ihr Blick zur Uhr. Sie hatten verschlafen! Es hatte doch nur ein Nickerchen werden sollen. Ein paar Minütchen ausruhen nach der Anreise
»Baptiste«, rief Lilly und rüttelte an seiner Schulter.
»Was ist denn?«, murmelte er.
»Wir sind eingeschlafen!«
Sofort fuhr auch er hoch, saß mit zerzausten Haaren aufrecht im Bett. »Verflixt. Wie viel Zeit bleibt uns noch?«
»Eine Stunde.« Lilly stieg aus dem Bett, streifte sich ihre Bluse ab und öffnete den Koffer, um das weiße Strandkleid herauszuholen.
Sicher, es war nicht unbedingt das, was viele sich unter einer Hochzeitsgarderobe vorstellten. Aber diese Hochzeit war auch außergewöhnlich.
Vor genau drei Wochen hatte Baptiste diese Idee gehabt, Lilly während ihres Sommerurlaubs am Strand von Gibraltar zu ehelichen. An kaum einem anderen Ort ging das unbürokratischer. Sie hatten lediglich ein paar Dokumente einreichen und eine Agentur beauftragen müssen. Schon war alles unter Dach und Fach gewesen. Lilly hatte sich sofort in die Vorstellung verliebt. Nur sie beide. Am Strand. Ganz romantisch. Zwar waren ihre Familien nicht bei ihnen, aber dafür war eine kleine Nachfeier angedacht, auf die Lilly sich schon freute.
Ihre Eltern waren ziemlich überrascht gewesen, als sie ihnen kurzfristig von ihren Heiratsplänen erzählt hatte. Ganz zu schweigen von ihrer besten Freundin Neele, die ein wenig enttäuscht gewesen war, nicht Lillys Trauzeugin sein zu können. Letztlich hatten ihnen aber alle jedes Glück der Welt gewünscht.
Lilly hechtete ins Bad, machte sich noch mal frisch und streifte sich das Kleid über. Dann musterte sie ihr Spiegelbild. Doch die Uhr tickte. Die dunkelblonden Locken steckte sie rasch zu einem hohen Zopf zusammen, den sie zu einem dicken Knoten wickelte. Außerdem legte sie etwas Make-up auf, während Baptiste seine Tasche öffnete.
»Wie konnte das nur passieren?« Er schnaubte.
»Wir schaffen das«, sagte Lilly, um sie beide zu motivieren. Auch wenn sie sich etwas mehr Zeit für die Vorbereitungen gewünscht hätte. Es war nun mal, wie es war. Zum Glück lag das Hotel in der Nähe des Strands, sodass sie zu Fuß dorthin gelangen konnten.
»Fertig!« Sie blickte der jungen Frau Ende zwanzig im Spiegel entgegen. Schon stürzte sie aus dem Badezimmer, suchte nach den passenden Schuhen.
Baptiste ging auch noch mal ins Bad, kurz danach hatte er ein blaues Hemd und eine feine Hose angezogen. Nun sorgte er noch für eine angemessene Frisur.
»Können wir?«, fragte Lilly mit Blick auf die Uhr, die unentwegt weiter tickte.
Baptiste griff nach ihrer Hand, lächelte sie an. »Du siehst umwerfend aus.«
»Du auch.« Lilly hauchte einen Kuss auf seine Lippen, doch nur kurz, denn sie war inzwischen viel zu aufgeregt.
»Haben wir denn alles?«
Lilly nickte. »Wir haben uns.«
»Na, dann los!«
Schon eilten sie aus ihrem Hotelzimmer durch den Flur und in den Fahrstuhl, der sie in die Lobby brachte. Fast stießen sie mit ein paar anderen Gästen zusammen, die herzlich darüber lachten. Ob man ihnen ansah, dass sie ein verpeiltes Brautpärchen waren?
Die Sonne brannte heiß, als Baptiste und Lilly das Hotel verließen und den gepflasterten Weg hinunterblickten, der zum Strand führte.
Lilly griff atemlos nach seiner Hand. »Wir sind ja schon fast da«, sagte sie und lachte. Den schönsten Tag in ihrem Leben hatte sie sich nicht ganz so hektisch vorgestellt.
»Komm.« Baptiste zwinkerte und zog sie mit sich. Lilly ließ sich mitreißen. Doch auf halber Strecke blieb Lilly geschockt stehen.
»Baptiste …«
»Ja?«
Er hielt inne, runzelte die Stirn.
»Die … die Ringe.«
Er tastete seine Hemd- und Hosentaschen ab, vergeblich.
»Die müssen noch im Hotelzimmer sein. Ich renne rasch zurück.«
Lilly schüttelte mit wildem Herzklopfen den Kopf. »Nein … die … die Ringe sind noch zu Hause«, stammelte sie.
»Was?«
»Ich weiß es genau, sie liegen in der Schublade an der Theke des KittyCat.«
Sie hatte die Ringe dort hineingelegt, um sie auf keinen Fall zu vergessen. Das hatte ja wunderbar geklappt.
Lilly spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Das war wirklich eine schlechte Idee gewesen. »Tut mir leid … ich … Wie konnte ich nur unsere Ringe dort liegen lassen?«
Baptiste griff sie sanft bei den Schultern. »Alles gut, wir heiraten heute trotzdem.«
»Aber ohne Ringe? Wie soll das gehen?«
Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Augen.
Baptiste blickte sich um. »Vielleicht gibt es hier einen Laden …«
Lilly hob den Blick. Sie sah nur Souvenirläden, Boutiquen mit verschiedenen Sommerkleidern, außerdem Bars und Restaurants.
»Warte hier.« Baptiste reichte ihr ein Taschentuch, dann eilte er auf ein paar Leute zu, sprach mit ihnen und rannte zu einer weiteren Gruppe.
Lilly wusste nicht, was er vorhatte. Sie trocknete sich die Tränen und sah sich noch etwas um. Unter all den touristischen Läden erspähte sie einen Bäcker, aber der hatte wohl kaum Ringe im Angebot.
»Ich weiß, wo wir unser Glück versuchen können«, sagte Baptiste, als er zu ihr zurückkam. Er war ziemlich außer Atem. »Es gibt ein kleines Pfandhaus in einer Seitenstraße.«
»Ein Pfandhaus?« Das klang nicht unbedingt romantisch.
Doch Baptiste lächelte sie an, hielt ihr die Hand hin, als wollte er sagen: Lass es uns auf einen Versuch ankommen.
Lilly atmete tief ein, legte ihre Hand in seine und ließ sich abermals von ihm mitziehen. Allzu schnell ging ihr die Puste aus, während sie über die Pflastersteine hechteten. Schließlich bogen sie in eine Nebenstraße ein. An der Ecke befand sich ein altes Geschäft, das eher an ein Krämerlädchen als an ein Pfandhaus erinnerte.
»Da ist es«, sagte Baptiste und zog sie weiter. Schnaufend betraten sie das Geschäft. Lilly fühlte sich mitnichten wie eine Braut, sondern völlig erschöpft. Mit der Hand fächerte sie sich Luft zu, während sie nach Atem rang. Baptiste war etwas fitter als sie, er sprach bereits den Inhaber an, der einen Kasten unter dem Verkaufstisch hervorholte und präsentierte.
Langsam kam Lilly näher, um die Schmuckstücke zu mustern, die dort bereitlagen.
Die Ringe sahen alle unterschiedlich aus und ganz und gar nicht wie Eheringe. Ein paar waren sogar rostig.
Lilly fuhr sich über die Augen, die inzwischen brannten.
»Ich weiß nicht recht, Baptiste … Vielleicht soll es einfach nicht sein? Zumindest nicht heute«, sagte sie betrübt.
Baptiste drehte sich ihr zu. »Ich gebe noch nicht auf«, erklärte er, was Lilly ein bisschen ansteckte. Er nahm ihre Hand. »Heute ist unser Tag, Lilly. Das spüre ich.«
Sie spürte es ja auch, nur ohne Ringe?
»Haben Sie noch andere Ringe?«, fragte er den freundlichen, älteren Herrn auf Englisch. Dieser fuhr sich über das mit grauen Stoppeln verzierte Kinn und nickte dann lächelnd. Er legte den Kasten unter den Tisch zurück, um kurz in einem Hinterraum zu verschwinden. Als er zurückkam, hatte er ein Kästchen dabei, das er vor ihren Augen aufklappte.
Erstaunt musterten Lilly und Baptiste die beiden Ringe, die von derselben Machart waren und perfekt zueinander passten. Zweifelsohne handelte es sich um Trauringe, die irgendwer hier verpfändet und nicht wieder abgeholt hatte. Als hätte er geahnt, dass eines Tages ein Brautpaar dringend nach ihnen suchen würde.
Lilly nahm den kleineren der Ringe in die Hand. Er war aus einem matten Gold mit einer handgearbeiteten Oberfläche. Ein einzelner Brillant war zu erkennen, den sie ansprechend fand. Allerdings fehlte ein zweiter Stein daneben. Irgendwann musste er herausgefallen sein, nur eine kleine Kuhle war...