: Anne-Kristin Dewitz
: Transatlantis Der öffentliche Intellektuelle John Kenneth Galbraith und Deutschland (1945-1979)
: De Gruyter Oldenbourg
: 9783111107752
: Quellen und Darstellungen zur ZeitgeschichteISSN
: 1
: CHF 72.30
:
: Zeitgeschichte (1945 bis 1989)
: German
: 345
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

Der kanadisch-amerikanische Ökonom John Kenneth Galbraith (1908-2006) gilt als einer der profiliertesten Kommentatoren von Wirtschaft und Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Anne-Kristin von Dewitz untersucht seine Beziehungen zu Deutschland von den 1940er bis 1970er Jahren und beleuchtet seine Position als öffentlicher Intellektueller. Als Experte mit Gestaltungsmacht gelang es Galbraith, in den Jahrzehnten nach dem Krieg Einfluss auf die politische und gesellschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik zu nehmen. Galbraith' Bücher und Reden fanden viel Resonanz, vor allem im Kontext der kritischen Betrachtung des neuen Wohlstands seit den 1960er Jahren. Warum fanden seine Worte so starken Widerhall? Welche Parteien und Gruppierungen waren an seinen Perspektiven interessiert und aus welchen Motiven? Die Analyse seiner Schriften und Korrespondenzen sowie seiner medialen und politischen Rezeption nimmt das Wirken Galbraith' - auf Basis bislang ungenutzter Quellen - neu in den Blick.



Anne-Kristin von Dewitz, Leibniz-Gemeinschaft, Berlin.

II. Am Puls der Zeit: Deutschland, Europa und der Westen (1938–1952)


You can’t see those men and machines

roll without a tremendous sense

of awe about the United States.

I never realised before just

what the United States is.1

John Kenneth Galbraith

1. Der United States Strategic Bombing Survey (USSBS)


Am Morgen des 14. April 1945 hatten George W. Ball und John Kenneth Galbraith ein Flugzeug des Naval Air Transportation Service in Maryland mit Kurs auf Europa bestiegen.2 Von London aus, wo sich am Grosvenor Square das europäische Hauptquartier der Amerikaner befand, würden sie gemeinsam mit weiteren Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft die kriegslähmende Effizienz und die wirtschaftlichen Folgen eben jenes alliierten Luftkriegs gegen Deutschland untersuchen, der einige Stunden später auch Potsdam treffen sollte. Am Abend desselben Tages wurde die frühere preußische Residenzstadt Ziel eines alliierten Luftangriffs, der die historische Bausubstanz der Stadt in großen Teilen zerstörte.3 Wegen des unerwarteten Todes von Franklin D. Roosevelt am 12. April hatte sich der geplante Abflug nach Europa um zwei Tage verzögert. Zwar hatte der Präsident selbst die Direktive zur Einrichtung des USSBS unterzeichnet, das Projekt jedoch nicht maßgeblich aus der Taufe gehoben. Die Initiative dazu war aus den Reihen der U. S. Army Air Force gekommen und reichte in das Jahr 1943 zurück. Aus dem State Departement war es schließlich Kriegsminister Henry L. Stimson, der für die weitere Organisation des USSBS zuständig war.4 Galbraith, der im Frühjahr 1945 Editor für die Zeitschrift „Fortune“ war, wurde für die Dauer seiner Projektmitarbeit als einer von neun verantwortlichen Direktoren für die Overall Economic Effects Division des Gesamtprojekts United States Strategic Bombing Survey (USSBS) für den Zeitraum 13. April bis 2. September 19455 von seiner journalistischen Tätigkeit freigestellt. Seine Frau Catherine, genannt Kitty, blieb mit den beiden kleinen Söhnen Alan und Douglas in der New Yorker Wohnung am Riverside Drive blieb. Die Mitarbeit beim USSBS war für Galbraith und seinen Werdegang entscheidend. Er entwickelte in jenen Monaten des Frühjahrs und Sommers 1945 nicht nur eine spezifische amerikanische Identität – seit 1937 war er US-amerikanischer Staatsbürger. Die Erfahrungen, die er in Europa sammelte, schärften auch sein p