„Niemals wieder, hören Sie mich,niemals! Ich will diese Frau nie wieder auf meiner Bühne sehen. Nur über meine Leiche. Haben Sie das verstanden?“
Franca nickte, sah sich dennoch bemüßigt, ihren Kommentar auch zu artikulieren. „Das habe ich, Salvatore. Laut und deutlich.“
Wenn sich Salvatore Grecco, Intendant der Mailänder Scala, aufregte, dann richtig. Der temperamentvolle Neapolitaner war berühmt-berüchtigt für seine Wutausbrüche. Heute konnte sie ihm nicht einmal böse sein, denn ganz unrecht hatte er ja leider nicht. Seufzend hielt Franca den Telefonhörer etwas weiter weg von ihrem leidgeprüften Ohr. „Ich höre jedes Wort, Salvatore. Selbst wenn Sie es nicht glauben, ich verstehe Sie sogar, zumindest ein wenig.“
„Ach, ein wenig. Dass ich nicht lache. Ich habe schon viele kommen und gehen sehen. Größen der Opern- und Ballettwelt. Sie kennen mich, Franca, ich bin ein gerechter Mensch. Ab und an vielleicht ein bisschen impulsiv, manch einer mag es emotional nennen, aber immer gerecht. Das, was sich diese Frau in der letzten Zeit herausnimmt, setzt allem, was ich erlebt habe, die Krone auf.“
Franca drückte ihre Zigarette im Aschenbecher aus und konnte sich gerade noch davon abhalten, sofort eine neue anzustecken. „Lassen Sie uns ehrlich sein, lieber Salvatore, so ganz unschuldig waren Sie auch nicht daran, dass sich alles so hochgeschaukelt hat, nicht wahr? Wie haben Sie Marie gleich wieder genannt?“
Ein leises, höchst ungehaltenes Schnauben drang aus dem Hörer. „Ich habe sie als das bezeichnet, was sie nun einmal ist, eine überkandidelte, sich selbst fortwährend überschätzende Hupfdohle.“
Franca war dem Himmel dankbar, dass niemand ihr Lächeln sehen konnte. Sie hätte tatsächlich wer weiß was darum gegeben, wenn sie bei diesem Gespräch Mäuschen hätte spielen dürfen. Noch mehr allerdings dafür, Maries oder vielmehr Antonias Gesicht nach dieser Betitelung zu sehen. Das jedoch würde nie jemand erfahren, auch Salvatore nicht. „Die derzeit beste Primaballerina der Welt eineHupfdohle zu nennen, mag dann doch etwas gewagt sein, finden Sie nicht, lieber Maestro?“
Das nun lautere Schnauben am anderen Ende der Leitung zeigte klar und deutlich, dass Grecco völlig anderer Meinung war. „Franca, wir kennen uns jetzt schon … wie lange genau? Zwanzig Jahre, wenn ich mich nicht täusche. In all der Zeit ist mir niemand untergekommen, dem sein Ruhm in solchem Maße zu Kopf gestiegen ist wie Marie. Ja, sie ist gut und ich gestehe gerne ein, dass sie – noch – ein Publikumsmagnet ist. Aber lesen Sie sich bitte einmal die letzten Berichte in den einschlägigen Gazetten durch. Ich bin nicht der Einzige, den sie fortwährend an den Rand des Wahnsinns treibt. Sie wissen, wie sehr ich Ihr Urteil schätze und die Zusammenarbeit mit Ihnen. Dieses Mal aber bleibe ich unerbittlich. In der Juni-Aufführung anlässlich der Festspiele wird Marie Celeste nicht dabei sein. Basta, ich sehe es nicht ein, mir von ihr auf der Nase herumtanzen zu lassen. Irgendjemand muss ein Exempel statuieren. Scusa, ma non!“
Franca wusste, wann sie verloren hatte. Es wäre unklug, einen der wichtigsten Partner in der Theaterbranche zu verprellen, vor allem in puncto zukünftige Engagements. „Gut, Salvatore, ich gestehe ein, dass ich sehr traurig über diese Entscheidung bin, werde sie aber selbstverständlich akzeptieren. Ich hoffe, dass diese unerfreuliche Episode unsere zukünftige Zusammenarbeit nicht beeinträchtigen wird.“
Salvatores Lachen klang echt und herzlich. „Ach, Franca, Sie wissen doch, dass ich ohne Sie oft genug verloren gewesen wäre. Sie sind die beste Agentin, die ich kenne, auch wenn ich mich wirklich frage, warum Sie sich nicht endlich dieses undankbare Frauenzimmer vom Hals schaffen.“
Sie wechselte den Hörer in die andere Hand und griff nach ihrer Kaffeetasse. „Das hat etwas mit meinem Gewissen zu tun und damit, dass ich niemanden so leichtfertig fallen lasse. So etwas liegt mir einfach nicht, mag es auch noch so nervenaufreibend sein. Salvatore, ich freue mich auf unser nächstes Treffen.“
Franca legte den Hörer auf die Gabel und lehnte sich seufzend in ihrem wuchtigen Ledersessel zurück. Es war ein warmer Frühlingstag in Mailand und die Sonne drang durch die halbgeschlossenen Fensterläden. Nachden