: Pip Williams
: Die Buchbinderin von Oxford Roman
: Heyne Verlag
: 9783641315245
: 1
: CHF 12.60
:
: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 512
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
England, 1914: Als die Männer in den Krieg ziehen, halten die Frauen die Nation am Laufen. Zwei von ihnen sind die Zwillingsschwestern Peggy und Maude, die in der Buchbinderei der Oxford University Press im Arbeiterviertel Jericho arbeiten und auf einem Hausboot voller Bücher leben. Peggy träumt davon, eines Tages an der Universität zu studieren. Doch ihr wird gesagt: „Dein Job ist es, die Bücher zu binden und nicht zu lesen!“. Maude ist ein ganz besonderes, verletzliches Mädchen, und Peggy fühlt sich nach dem Tod ihrer Mutter für ihre Schwester verantwortlich. Mit der Ankunft von belgischen Flüchtlingen in Oxford und der Unterstützung neuer Freunde rücken Peggys Träume ganz unerwartet in greifbare Nähe. Und sie beschließt, eine andere Zukunft für sich zu erschaffen – eine, in der sie nicht nur ihre Hände, sondern auch ihren Verstand einsetzen kann.

  • Ein emanzipatorischer Roman, der Licht wirft auf die unsichtbare Arbeit von Frauen und das alte Handwerk des Buchbindens
  • Der Nr.-1-Bestseller aus Australien: Ein historischer Schmöker für Buchliebhaber*innen zum Eintauchen und Entspannen
  • »(Williams Charaktere sind so überzeugend, so voller Leben, dass sie eher entdeckt als erfunden wirken.« (The Sydney Morning Herald)


Pip Williams, geboren in London, aufgewachsen in Sydney, lebt mit ihrer Familie in Südaustralien. Sie ist Sozialwissenschaftlerin und neben ihrer Forschung leidenschaftliche Autorin eines Reisememoirs, von Artikeln, Buchrezensionen, Flash Fiction und Gedichten. Ihre Faszination für Sprache und ihre Recherchen in den Archiven desOxford English Dictionaryinspirierten ihren ersten Roman »Die Sammlerin der verlorenen Wörter«, der ein Nr.-1-Sensationserfolg in ihrer australischen Heimat wurde. Mehrfach preisgekrönt, stand dieser Roman auf der Shortlist für den Walter Scott Prize for Historical Fiction. Auch »Die Buchbinderin von Oxford« wurde zum Nr.-1-Bestseller in Australien.

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Bruchstücke: Das war alles, was ich hatte. Fragmente, die ohne die Wörter davor oder dahinter keinerlei Sinn ergaben.

Wir falzten die gesammelten Werke von William Shakespeare und ich hatte die erste Seite mit dem Herausgebervorwort bestimmt schon hundert Mal überflogen. Deren letzte Zeile ging mir einfach nicht mehr aus dem Kopf, ich wollte dringend wissen, wie es weiterging.Ich habe mir erlaubt, nur dort abzuweichen, wo ich den Eindruck hatte, dass …

Mir erlaubt abzuweichen. Sobald ich einen Bogen falzte, blieb mein Blick an diesem Satz hängen.

Wo ich den Eindruck hatte, dass …

Dass was?, fragte ich mich. Um mit einem weiteren Bogen zu beginnen.

Erster Falz:The Complete Works ofWilliam Shakespeare. Zweiter Falz: Herausgegeben vonWJ Craig. Dritter Falz: mir erlaubt, nur dort abzuweichen … Himmel Herrgott!

Meine Hand verharrte, während ich die letzte Zeile las und mich bemühte, sie zu ergänzen.

WJ Craig hat Shakespeare umformuliert!, dachte ich. Wo er den Eindruck hatte, dass …

Ich wollte unbedingt mehr wissen.

Verstohlen schaute ich mich in der Buchbinderei um. Mein Blick fiel auf den Arbeitstisch, auf dem sich die noch ungefalzten Bögen und bereits gefalzten Lagen türmten. Ich sah zu Maude hinüber.

Sie interessierte sich kein bisschen für die Wörter auf den Seiten. Ich konnte hören, wie sie leise vor sich hin summte, wobei jeder Falzvorgang den Takt vorgab wie ein Metronom. Falzen war ihre Lieblingsbeschäftigung, und das machte ihr so schnell niemand nach. Was sie allerdings nicht davon abhielt, Fehler zu machen –Fehlfalze, wie Ma das immer so schön nannte. Selbst ausgedachte Falze. Dann nahm ich aus den Augenwinkeln wahr, wie sich ihr Rhythmus änderte. Es genügte, ihre Hand zu packen, dann begriff sie. Sie war nicht geistig zurückgeblieben – egal, was die Leute behaupteten. Und wenn ich solche Anzeichen übersah? Nun, dann war eine Lage ruiniert. Das konnte jeder von uns passieren, wenn ein Falzbein ausrutschte. Aber wir bemerkten es wenigstens und sortierten die fehlerhafte Lage aus. Nicht so meine Schwester. Und deshalb blieb mir nichts anderes übrig als …

… sie im Auge zu behalten.

… auf sie aufzupassen.

… tief einzuatmen.

Ach, Maude! Ich liebe dich, ich liebe dich wirklich. Aber manchmal … So viel zu meinen Gedanken.

Schon jetzt sah ich eine gefalzte Lage, die nicht bündig auf dem Stapel links von Maude, also zu meiner Rechten, lag. Ich würde sie später zurechtrücken, ohne dass sie etwas davon mitbekam. Genauso wenig wie Mrs. Hogg. Damit sie nicht verwarnt wurde.

Die Einzige, die hier noch Chaos stiften konnte, war ich. Wenn ich nicht bald herausfand, warumWJ Craig Shakespeare umformuliert hatte, würde ich noch laut schreien. Ich hob die Hand.

»Ja, Miss Jones?«

»Ich müsste austreten, Mrs. Hogg.«

Sie nickte.

Ich beendete meinen letzten Falzvorgang und wartete, bis sich Mrs. Hogg entfernt hatte, diese hässliche Kröte! Maude hatte das mal laut ausgesprochen, was mir bis heute nicht verziehen wurde. Denn für Mrs. Hogg waren wir so was wie ein und dieselbe Person.

»Bin gleich wieder da, Maudie.«

»Gleich wieder da«, wiederholte sie.

Lou falzte die zweite Lage. Als ich hinter ihrem Stuhl vorbeiging, blieb ich kurz stehen und beugte mich über sie. »Kannst du kurz innehalten?«, fragte ich.