Kapitel 3
Als Sila aus dem Turm trat, hatte sie das Gefühl, sein langer Schatten würde ihr folgen. Sie unterdrückte ein Frösteln und verließ das Gelände. Statt jedoch Richtung Bahnhof zu gehen, bog sie in den Treptower Park ab. Nachdenklich spazierte sie am Anti-Kriegsdenkmal vorbei, wandte sich dann Richtung Spree und fand schließlich eine einsame Stelle an der Uferböschung. Sie setzte sich ins weiche Gras und zog das Dossier hervor. Bevor sie es öffnete, deaktivierte sie die Netzverbindung ihrer AR-Linsen. Man konnte nicht längere Zeit für das AIS arbeiten, ohne zumindest einen Hauch von Paranoia zu entwickeln.
Die Mappe enthielt einen einzigen Papierbogen, der in seiner Farbe und Konsistenz an Pergament erinnerte. Man sah ihm die integrierten Hightech-Komponenten nicht an, die sicherstellten, dass nur Sila die abgespeicherten Daten abrufen konnte. Sie nahm das Dokument in beide Hände. Fingerabdrücke und Linsen wurden gescannt, und die Datei wurde freigegeben. Sie enthielt Informationen, Stellungnahmen und Analysen zu allen möglichen Gefährdern und unter Beobachtung stehenden Gruppierungen. Mit leichten Wischbewegungen scrollte Sila weiter. Unzählige Daten huschten über das Blatt.
Mit all diesen Informationen war Q-LOPA gefüttert worden. Auf die Ergebnisse hatte das AIS keinen Zugriff, möglicherweise hatte Lübke sie aus dem System gelöscht. Klar war aber, dass die Quanten-KI einen Code Red ausgegeben hatte – eine substanzielle Gefährdung des Staats in seiner bestehenden Form.
Das war alles andere als eine Kleinigkeit. Warum hatte Paul Lübke diese Informationen mit niemandem geteilt? Er hatte zwar hier und da Personen aus dem Ministerium befragt, darunter auch einige IT-Spezialisten und Profiler, aber offenbar hatte er niemanden über die Tragweite des Projekts in Kenntnis gesetzt. Zumindest nach der offiziellen Faktenlage.
Was jenseits der Protokolle besprochen worden war, musste die interne Ermittlung herausfinden, denn das war nicht Silas Job. Ihre Aufgabe bestand darin, irgendwie an diesen bärtigen Typen heranzukommen, der immer dann in Erscheinung trat, wenn Menschen verschwanden.
Sie suchte im Dossier nach weiteren Informationen über Paul Lübke, aber ganz offensichtlich hatte der Staatssekretär so gut wie kein Privatleben. Wie es schien, war seine Karriere sein Leben.
Sila konnte das nachvollziehen. Manche Dinge waren einfach unvereinbar. Man konnte nicht als verdeckte Ermittlerin für das AIS arbeiten und gleichzeitig ein funktionierendes Privatleben haben. Offenbar erging es Staatssekretären diesbezüglich nicht anders.
Sie senkte das Papier und ließ den Blick nachdenklich über das Wasser schweifen. Wenn sie eine reelle Chance haben wollte, an den Bärtigen heranzukommen, musste sie bei Priscilla Vogt ansetzen. Aber auch das konnte sie unmöglich allein schaffen. Braun war das ve