»Du hast 17 Stunden geschlafen.« Paula stand neben meinem Bett, die Arme vorwurfsvoll verschränkt. »Ich finde wirklich, das reicht. Schließlich bin ich extra zu Besuch gekommen, aber was nützt mir das, wenn du nicht da bist oder die ganze Zeit pennst?«
»Tut mir leid.« Ich stemmte mich hoch. Der Nachhall meines Traumes hatte mich noch im Griff, und es war, als könnte ich Silvios Arm um meine Schulter spüren. Und seinen Kuss.
Ich seufzte und schwang meine Beine über die Kante der Bettcouch. Meine Füße landeten auf der Gästematratze, auf der Paula heute Nacht geschlafen hatte, wie das zerknüllte Bettzeug darauf bewies. Inzwischen war später Nachmittag, und das Grummeln in meinem Magen erinnerte mich daran, dass ich schon seit einer Ewigkeit nichts mehr gegessen hatte.
»Gib mir ein paar Minuten«, bat ich. »Ich bin gleich unten in der Küche, dann erzähle ich dir alles.«
Paula schnitt eine Grimasse, aber sie verließ mein Zimmer, und ich hörte, wie sie die Holztreppe hinablief.
Schnell flitzte ich ins Bad, duschte in Rekordtempo und schlüpfte in frische Klamotten. Meine Haare konnten an der Luft trocknen, ich hatte keine Lust, mich mit dem Föhnen aufzuhalten.
Als ich ins Erdgeschoss hinunterlief, strömte mir köstlicher Kuchenduft aus der Küche entgegen. Meine Tante Kathi hatte wieder einmal ihren legendären Apfelkuchen gebacken. Als ich den Raum betrat, blickten mich zwei Paar Augen erwartungsvoll an.
»Und jetzt wollen wir jede Einzelheit wissen«, forderte Kathi mich auf. »Du kannst dir nicht vorstellen, welche Sorgen wir uns gemacht haben.«
Ich setzte mich. Auf meinem Teller lag ein riesiges Stück Kuchen. Ich erzählte, während ich aß. Daheim wäre ich sicher von meinen Eltern angemeckert worden, weil ich mit vollem Mund redete, aber Kathis und Paulas Neugier war viel zu groß, als dass sich eine von ihnen daran störte.
Und so erfuhren sie, dass mich ein Falke in das verzauberte Wäldchen gelockt hatte, damit ich vor dem Großen Rat meine Eignungsprüfung als Hüterin ablegen sollte. Obwohl ich mich prächtig geschlagen hatte, war der Rat zu meiner großen Enttäuschung uneins gewesen.
»Wie ungerecht!«, empörte sich Paula. »Das war nicht fair!«
Ich nickte und trank einen Schluck Kakao. Dann berichtete ich, wie ich das Greifenweibchen Adelinde herbeigerufen und mich auf dem Riesenvogel in die Luft erhoben hatte. Paulas Kinnlade klappte ungläubig nach unten, und selbst meine Tante vergaß zu kauen. Ich erzählte, wie ich im rauen Felsenmeer Silvio gefunden hatte und er die Weltenschlange geweckt hatte. Die Schlange hatte uns übers Meer gebracht und an einem Strand abgesetzt. Von dort aus hatten wir uns durch den Dschungel geschlagen, bis wir an einem riesigen Baum angekommen waren.
»Dort hat Rea ihren Unterschlupf«, sagte ich. Meine Kehle wurde eng. »Rea ist Silvios Schwester, und ihr haben wir eine Menge Ärger zu verdanken.« Eine Gänsehaut überkam mich, als ich berichtete, wie Silvio vom Baum gestürzt war und wie leblos dagelegen hatte.
Paula stieß einen leisen Schrei aus und presste ihre Hand auf den Mund. »O mein Gott! Er war doch nicht tot?«
Ich schluckte. Meine Stimme drohte zu versagen. »Ich konnte ihn ins Leben zurückholen, aber dafür … dafür musste ich in die Unterwelt hinabs